Der Ausgangspunkt des Verfahrens war vergleichsweise banal. Ein Lehrer betrat das Klassenzimmer, in dem Dietrun W. soeben mit der Russischstunde in einer 10. Klasse begonnen hatte, weil er dort seinen Kugelschreiber vermutete. In der locker-gelösten Atmosphäre kurz vor den Sommerferien fielen aus den Reihen der Schüler flapsige Sprüche, einer sagte: „Der Ansgar hat ihn.“ Der damit gemeinte Ansgar S., ein bekennender Sorbe, gab die angeblich folgende Bemerkung von Dietrun W. im abendlichen Gespräch mit seinem Vater folgendermaßen wieder: „Das ist typisch für die Sorben: Erst klauen sie alles, und dann verkaufen sie es. Aus diesem Grunde sind sie so reich!“

Empörter Vater

Ansgars Vater Winfried S., ein Rechtsanwalt, geriet darüber in Empörung. Am nächsten Schultag fuhr er ins Johanneum und verlangte von der Lehrerin, dass sie sich vor versammelter Klasse entschuldigt, was Dietrun W. ablehnte. „Ich habe diese Äußerung nicht getan, also kann ich mich auch nicht dafür entschuldigen“, erklärte sie. Daraufhin reichte Winfried S. bei der Staatsanwaltschaft Hoyerswerda Anzeige wegen Beleidigung ein.

Wie schon vor dem dortigen Amtsgericht, so waren auch in der Berufungsverhandlung mehrere Mitschüler von Ansgar S., der in einem kleinen Dorf bei Bautzen lebt, als Zeugen geladen. Winfried S., der seinen Sohn als Nebenkläger vertrat, sah sich durch ihre Erklärungen in seiner Auffassung bestätigt. „Die Aussagen zeigen, dass die Schüler von der Schulleitung des Johanneums beeinflusst worden sind“, erklärte er. Es habe vor dem Prozess ein Gespräch zwischen der Schulleitung, der Staatsanwaltschaft Hoyerswerda und den als Zeugen geladenen Schülern gegeben, „in dem diesen deutlich gemacht wurde, welche Konsequenzen ihre Aussagen haben können“. Der Vorfall, so S., sollte unter den Tisch gekehrt werden. Im Übrigen sei dennoch deutlich geworden, dass sich die Lehrerin verächtlich gegenüber den Sorben geäußert habe. Deshalb sei sie wegen Beleidigung zu einer Geldstrafe zu verurteilen.

Keine Klarheit

Diese Auffassung teilte allerdings keiner der anderen Prozessbeteiligten einschließlich des Staatsanwaltes. Ebenso wie der Verteidiger forderte er den Freispruch der Angeklagten. Dem folgte die 2. Strafkammer mit ihrem Urteilsspruch. „Aus den Zeugenaussagen“, formulierte der Vorsitzende Richter Konrad Gatz vorsichtig, „lässt sich kein klares Bild von den Geschehnissen am 5. Juli ableiten“. Die Aussagen seien widersprüchlich und nicht geeignet, eine beleidigende Äußerung der Lehrerin nachzuweisen. Sie seien beeinflusst worden – allerdings nicht durch die Schulleitung, sondern durch die ständige Konfrontation mit dem angeblichen Spruch der Lehrerin. Gatz betonte, dass es „nicht um die Beleidigung des sorbischen Volkes, sondern um die Beleidigung eines einzelnen Sorben geht.“

Für Ansgar S. hat dieses Urteil noch eine weitere Konsequenz – da er als Nebenkläger das Berufungsverfahren ins Rollen gebracht hatte, muss er nun die Kosten des Prozesses tragen.