Auf dem Wasserbauwerk entlang des deutsch-polnischen Grenzflusses ist die mehr als 100 Jahre alte Allee eine landschaftsprägende Besonderheit, um die erneut ein Streit entbrannt ist.
Beinahe wäre die mehr als drei Kilometer lange Allee dem Hochwasserschutz zum Opfer gefallen. Im Zuge der Deichverbreiterung und -erhöhung hätten die Bäume eigentlich gefällt werden müssen. Doch entgegen aller bisherigen Praktiken entschied sich das Brandenburger Landesumweltamt hier für einen Kompromiss, der nicht unumstritten war. Auf etwa zweieinhalb Kilometern wurde der Deich auf seiner Wasserseite angeschüttet, das Profil des Walls verlagerte sich damit. Rund 300 Alleebäume standen nun nicht mehr in der Mitte des Dammes, sondern konnten an der Landseite weiter wachsen. "Diese Methode war deutlich billiger als die traditionelle Deichsanierung. Wir ersparten uns unter anderem Ausgleichszahlungen für gefällte Bäume", erklärt der Präsident des Landesumweltamtes, Matthias Freude.
Erst vor einem Jahr fertiggestellt wurde der zweite, kostenträchtige Abschnitt dieses Experiments: Auf 500 Metern Länge - wo es im Flussvorland keinen Platz für eine Anschüttung gab -. wurden Stahlspundwände zwölf Meter tief in den Deichkörper getrieben. Seitdem wird dort der Baumbestand von Fachleuten beobachtet, vorerst fünf Jahre lang. Kommen die mehr als 100 Jahre alten Baumriesen in dieser Zeit nicht sichtbar zu Schaden, könnte das Pilot-Projekt in Brandenburg Schule machen: Auch an Elbe und Schwarzer Elster gibt es wertvolle Bäume auf dem Deich, die bei einer Hochwasserertüchtigung eigentlich weichen müssten.
Doch nach der alljährlichen regulären Herbst-Deichschau macht nun ein Gerücht die Runde: Das prestigeträchtige Pilotprojekt droht zu scheitern, die Bäume gingen ein, so der Tenor. Von ersten "Totalausfällen" und jeder Menge Totholz auch im Abschnitt der Vorschüttungen sprechen Teilnehmer der Deichschau, etwa 20 abgestorbene Bäume müssten schon aufgrund der Verkehrssicherungspflicht unverzüglich gefällt werden, hieß es. Skeptiker fühlen sich bestätigt - die Spundwand verhindere den Wasseraustausch im Deich und lasse die Bäume verdorren. "Ich habe bisher keinen einzigen toten Baum gesehen", sagt Fachmann Peter Engert, verantwortlich für die Baumbeobachtung. Lediglich zwei Eschen entlang der Spundwand sähen etwas lädiert aus, eine davon habe ältere Frostrisse. "Das heißt ab er nicht, das diese Bäume gleich gefällt werden müssen." Im Bereich der einseitigen Deich-Aufschüttung strotzen die alten Gehölze laut Engert nur so vor Vitalität. Auch der Präsident des Landesumweltamtes kann nur den Kopf schütteln. In diesem Jahr würden einige Bäume aufgrund der langen Trockenheit im Sommer früher, als sonst, ihr Laub verlieren, erklärt Matthias Freude. "Folglich ist nicht jeder bereits blätterlose Baum automatisch tot." Natürlich sei nicht klar, ob wirklich alle Deichalleebäume das Experiment langfristig überstehen würden. "Das ganze Projekt aber pauschal mies zu machen, ist unmöglich", ärgert sich Freude.