Auf dem Schulweg kam Wang Duanyang jeden Morgen an der katholischen St.-Josephs-Kathedrale der chinesischen Hafenstadt Tianjin vorbei. Doch hinein traute er sich nie. Bis zu jenem Tag, als seine Mitschüler die von französischen Missionaren erbaute Kirche im Bezirk Xikai stürmten, Altarschmuck, Kreuze und Heiligenstatuen zerschlugen und die Geistlichen auf die Straße zerrten, verprügelten und erniedrigten.
Es war das Jahr 1966, in dem der Schrecken der Kulturrevolution in China begann: Kirchen, Moscheen, Tempel, Bibliotheken und Museen sollten - wie viele andere Zeugnisse der chinesischen Geschichte und Kultur - in den nächsten Jahren attackiert, Millionen Menschen gequält oder getötet, in Gefängnisse, Arbeitslager und Verbannung geschickt werden.
"Mao Tse-tung hatte uns aufgerufen, alle alten Dinge zu zerschlagen und wir sind ihm gefolgt", erinnert sich der pensionierte Journalist Wang an jene Zeit. Wie Millionen Schüler und Studenten im ganzen Land war auch er glühender Rotgardist: Nur wenige Tage zuvor hatte Mao am 18. August 1966 auf dem Pekinger Tiananmen-Platz die Jugend Chinas zur Rebellion gegen alle Autoritäten aufgestachelt.
Was Wang nicht ahnte: Der Staatsgründer, der sich als "Sonne im Herzen" seiner Untertanen verehren ließ, war in der Kommunistischen Partei wegen seiner katastrophalen Wirtschaftspolitik in Bedrängnis geraten und versuchte nun, Rivalen mithilfe der Straße auszuschalten. Die Bewegung breitete sich aus wie ein Steppenbrand.
In Tianjin, rund 100 Kilometer von der Hauptstadt Peking entfernt, beschlossen die Roten Garden der Mittelschule Nr. 21 in der Nähe der St.-Josephs-Kathedrale, "mit dem Bischof darüber zu diskutieren, ob Gott existierte". Der begeisterte Hobbyfotograf Wang zog an diesem 23. August mit seiner Kamera los, um das revolutionäre Ereignis für die Nachwelt festzuhalten.
Als er zur Kathedrale kam, lagen schon Priestergewänder, Bibeln und Heiligenbilder auf der Erde, zu einem Haufen aufgeschichtet. "Bombardiert die schwarze Kirche, zerschlagt alte Gedanken, vernichtet die welken und verrotteten Sachen!", wurde auf Transparenten gefordert.
Auf dem Dach, zwischen den beiden Kirchtürmen mit ihren grünen Kupferkuppeln und den Kreuzen an der Spitze, schwenkten Jugendliche rote Fahnen. Ein Mao-Porträt hing über dem Portal. Bald brannten Bilder und Bibeln. Ein Rotgardist zerschlug mit der Axt eine Marien-Statue, andere zerrten Geistliche auf eine Tribüne, die aus ein paar zusammengestellten Tischen bestand. Sie drückten die Köpfe der Männer brutal nach unten, um sie zu verhöhnen.
40 Jahre lang hielt Wang die Schwarz-Weiß-Fotos, die er damals als "Zeugnis des großen historischen Aktes" geschossen hatte, in einem Karton versteckt. Erst in diesem Jahr brachte er den Mut auf, sich der Vergangenheit zu stellen und sie hervorzuholen. Er entschloss sich, sechs Bilder im Mai in einer Fotogalerie im Pekinger Künstlerbezirk 798 auszustellen. Lakonischer Titel: "Kirche 1966."
Dies war ein kleiner Akt des Trotzes, denn die Regierung hatte erklärt, dass sie eine öffentliche Diskussion über die Kulturrevolution nicht wünscht. Zeitungen und Rundfunkanstalten wurden angewiesen, den 40. Jahrestag zu ignorieren.
Doch wie viele ältere Chinesen hält der Mittfünfziger Wang es für einen Fehler, die Ereignisse jener Zeit zu verschweigen: "Damals waren wir voller Leidenschaft, stürmten voller Glauben und Ideale voran," sagt er rückblickend. "Heute weiß ich, dass wir einen großen Teil dessen zerstörten, was zur Zivilisation der Menschheit gehörte."
Erst nach dem Tode Mao Tse-tungs 1976 konnte die Tianjiner "Xikai-Kathedrale", wie sie heute genannt wird, im Jahr 1980 wieder geöffnet werden. Solange waren auch Priester und Nonnen in Arbeitslager und Gefängnisse gesperrt worden, wie der 46-jährige Pfarrer Zhang Liang im Gemeindebüro der Kathedrale berichtet.
Die Kathedrale im französisch-romanischen Rundbogenstil ist in freundlichen Pastellfarben renoviert worden und mit vielen Blumen geschmückt. Bei den vier Messen an jedem Sonntag drängen sich bis zu 4000 Besucher vor dem Altar.
Dort, wo der Schüler Wang einst seine Fotos schoss, stehen heute moderne Kaufhäuser. Pfarrer Zhang, der in Belgien studierte, ist zu jung, um sich an die Kulturrevolution erinnern zu können. "Die meisten der Geistlichen unserer Diözese, die damals verfolgt wurden, sind inzwischen gestorben", berichtet er.
Wangs Hoffnung, mit den überlebenden Priestern sprechen und ihnen die Fotos zeigen zu können, erfüllte sich bisher nicht: "Als ich in der Kathedrale anrief, sagte man mir, die alten Leute wollten nicht an diese Zeit erinnert werden."