Nach Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft rissen die Neonazis am Gedenkstein für die ehemalige Frankfurter Synagoge Blumengebinde und Kränze auseinander und warfen zum Jahrestag aufgestellte Kerzen auf die Straße. Als die Polizei einschritt, riefen einige Rechte „Sieg Heil“. 16 Randalierer im Alter zwischen 15 und 24 Jahren wurden vorläufig festgenommen. Dabei handelt es sich laut Polizei um „einschlägig bekannte Personen der rechten Szene“. Die Staatsanwalt hat Ermittlungen aufgenommen.

Gegen die rund 200 Teilnehmer einer Gedenkveranstaltung, die vor den Krawallen bei dem Gedenkstein stattfand, habe es keine Angriffe gegeben, teilte die Polizei mit. Der Gedenkstein markiert den früheren Standort der Synagoge. Freitagnacht bewachte die Polizei den Platz, um weitere Randale zu verhindern.

Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) und der Bundesvorsitzende der Linkspartei, Lothar Bisky, sprachen nach den rechten Exzessen in Frankfurt (Oder) von einer nicht hinnehmbaren, unerträglichen Provokation.

Frankfurts Oberbürgermeister Martin Patzelt (CDU) sprach von "großer Bestürzung, Trauer und auch Scham gegenüber den Mitbürgern jüdischer Abstammung". Noch heute legte er gemeinsam mit mehr als 100 Frankfurtern bei einem stummen Gedenken am Ort der Ausschreitungen erneut Blumen und einen Kranz nieder.

Die Polizei in München teilte unterdessen mit, dass sich die Rechtsextremisten dort an bestehende Versammlungsverbote während der Einweihung der neuen jüdischen Synagoge gehalten hätten. Es sei ruhig geblieben. In Essen hatte sich die Polizei auf Krawalle von Rechtsextremen vorbereitet, nachdem hier ebenfalls eine Demonstration untersagt worden war. Doch auch hier blieb es ruhig.

In der Pogromnacht oder auch Reichskristallnacht vom 9. auf den 10. November 1938 griff ein aufgestachelter Mob in ganz Deutschland jüdische Deutsche an und zerstörte hunderte Synagogen. Dabei wurden vom 7. bis 13. November 1938 etwa 400 Menschen ermordet oder in den Tod getrieben. Der über Jahre vom NS-Regime geschürte Antisemitismus fand zuvor einen Höhepunkt in einer Rede des Nazi-Propagandachefs Joseph Göbbels, die als Auslöser der Progromnacht gilt.

Ab dem 10. November wurden ungefähr 30.000 Juden in Konzentrationslagern inhaftiert, wo nochmals Hunderte ermordet wurden oder an den Haftfolgen starben. Fast alle Synagogen und viele jüdische Friedhöfe in Deutschland und Österreich wurden zerstört.

Erst vor wenigen Tagen hatte eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung aufsehen erregt, wonach der Rechtsextremismus in Deutschland weiter tief verwurzelt ist. Fast jeder zehnte Deutsche hat demnach antisemitische Einstellungen.

Bundespräsident Horst Köhler hatte gestern bei der Einweihung der neuen Hauptsynagoge in München erklärt: "Auch heute stoßen sich unsere Träume von einer Normalität jüdischen Lebens in Deutschland an einer Wirklichkeit, in der es offenen und latenten Antisemitismus gibt und in der die Zahl rechtsextremistisch motivierter Gewalttaten steigt."

Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) München und Oberbayern Charlotte Knobloch wünschte bei der Eröffnung der Münchner Synagoge ein reges Miteinander von Juden und Nicht-Juden in und rund um das neue Gemeindezentrum. Ihr leidenschaftlicher Appell an die Münchner und Gäste aus aller Welt lautet: "Seien Sie unsere Gäste. Kommen Sie und lernen ein heterogenes, vitales Judentum kennen. Diskutieren, lachen, streiten sie mit uns! Leben Sie mit uns!"