Zoni Weisz ist sieben Jahre alt, als seine Eltern und die drei jüngeren Geschwister im "Zigeunertransport" nach Auschwitz gebracht werden. Er selbst bleibt durch einen wundersamen Zufall allein mit einer Tante am Bahnsteig zurück. Der heute 75-jährige Niederländer kann nur stockend sprechen, als er am gestrigen Mittwoch bei der Einweihung des Roma-Denkmals in Berlin von den letzten Minuten mit seiner Familie berichtet. "Jetzt haben wir einen eigenen Ort, an dem wir unserer ermordeten Lieben gedenken können."

Zoni Weisz, der schon 2011 als erster Sinto im Bundestag sprach, nennt den Völkermord der Nazis an der als "Zigeuner" verfolgten Minderheit einen "vergessenen Holocaust". Jahrzehntelang wurden die Verbrechen an Sinti und Roma nicht als Völkermord anerkannt, es gab keine Entschädigung. Und selbst als die Bundesregierung 1992 die Errichtung des Denkmals beschloss, dauerte es nochmals 20 Jahre bis zur Einweihung.

130 Überlebende kamen

Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel geben dem Termin durch ihr gemeinsames Auftreten am gestrigen Mittwoch besonderes Gewicht. Gemeinsam mit Zeitzeugen und Vertretern der Roma-Verbände gedenken sie in einer Schweigeminute der bis zu 500 000 Opfer. "Jedes einzelne Schicksal erfüllt mich mit Trauer und Scham", sagt Merkel. 130 Überlebende konnten noch kommen.

Es ist ein stiller Ort, an dem der israelische Künstler Dani Karavan das Denkmal geschaffen hat. Auf einer Lichtung im Tiergarten, einen Steinwurf vom Reichstagsgebäude entfernt, glänzt tiefschwarz ein kleiner, spiegelglatter See, Symbol für Trauer und Tränen. Auf Steinplatten im Gras ringsum sind die Namen der Vernichtungslager eingegraben. Und in der Mitte taucht auf einer versenkbaren Stele täglich eine frische Blume auf. "Tag für Tag, wie ein unaufhörliches Gebet", sagt Karavan.

Indirekt spricht der 81-Jährige auch den zermürbenden Streit an, den er sich jahrelang mit der Berliner Verwaltung um die Bauausführung geliefert hat. Durch die Vermittlung von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) habe "ein Teil der begangenen Fehler" wieder korrigiert werden können, lobt Karavan. Die Kosten stiegen in der Zeit von zwei auf 2,8 Millionen Euro.

Aber eigentlich geht an diesem Tag der Blick nach vorn. Die unsäglichen Verbrechen der Nazis müssten eine Mahnung für Toleranz und Menschenrechte sein, fordert Neumann. Und Merkel verweist darauf, dass Sinti und Roma auch heute wieder unter Ausgrenzung und Ablehnung leiden. Aus dem Kreis der fast 1000 Gäste ruft am Schluss eine Stimme: "Und was ist mit den Abgeschobenen, Frau Merkel? Das sind auch Roma, die wollen hierbleiben."

Aus Serbien und Mazedonien

Nach Angaben von Pro Asyl sind unter den Asylbewerbern aus Serbien und Mazedonien vor allem Roma. Auch Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma und Initiator des Denkmals, nutzt die Gelegenheit, vor neuem Rassismus zu warnen: "Dieser Rassismus wird nicht nur von rechtsextremen Parteien und Gruppierungen getragen, sondern er findet immer mehr Rückhalt in der Mitte unserer Gesellschaft."

Schweigend versammeln sich die Gäste zum Abschluss der Zeremonie vor den Glastafeln rund um das Denkmal, auf denen die unsägliche Leidensgeschichte der Sinti und Roma von 1933 bis 1945 dokumentiert ist. Die Chronologie wurde als Kompromiss nach einem jahrelangen Streit mit den Opferverbänden erarbeitet.

Über das Wasser weht der zerrissene Ton einer Geige. Und am Brunnenrand ist das Gedicht "Auschwitz" des italienischen Lyrikers Santino Spinelli zu lesen: "Eingefallenes Gesicht/erloschene Augen/kalte Lippen/Stille/ein zerrissenes Herz/ohne Atem/ohne Worte/keine Tränen."