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Erinnern an das "Haus des Schweigens"

Manfred Matthies ist einer von mehreren Zeitzeugen, die regelmäßig Schülergruppen in der Gedenkstätte Bautzen begleiten. Auf einer Stele im Zellentrakt steht seine Haftgeschichte.
Manfred Matthies ist einer von mehreren Zeitzeugen, die regelmäßig Schülergruppen in der Gedenkstätte Bautzen begleiten. Auf einer Stele im Zellentrakt steht seine Haftgeschichte. FOTO: Wendler
Bautzen. Vor 60 Jahren entstand das Stasi-Sondergefängnis in Bautzen. Heute Abend gibt es dazu eine Podiumsdiskussion vor Ort. Neben der gut aufgearbeiteten DDR-Zeit gibt es zur NS-Vergangenheit der Anstalt noch keine Präsentation. Simone Wendler / sim

In der DDR war "Bautzen" Synonym für politische Haft. Doch was sich dahinter wirklich verbarg, wusste kaum jemand. Denn neben dem heute noch als Justizvollzugsanstalt genutzten Bautzener Gefängnis mit dem Spitznamen "gelbes Elend", gab es mitten in der Stadt eine kleine weitere Haftanstalt.

Direkt der Stasi unterstellt

"Anwohner dachten zu DDR-Zeiten oft, das gehört zum benachbarten Gerichtsgebäude", sagt Historiker Sven Riesel. In Wirklichkeit war es ein seit 1956 direkt der Staatssicherheit unterstelltes Spezialgefängnis. Nach der Wende wurde es Gedenkstätte. Riesel ist dort wissenschaftlicher Mitarbeiter.

Zu den bedrückendsten Bereichen in der weitgehend im Originalzustand belassenen Anstalt, Bautzen II genannt, gehören die Arrestzellen. Sechs Quadratmeter groß, davon zwei Quadratmeter durch ein Zwischengitter abgetrennt. Bis zu 21 Tagen durften Gefangene hier eingepfercht bleiben.

Manfred Matthies, heute 74, wurde nach 21 Tagen herausgeholt und kurz danach in eine andere Arrestzelle gesteckt, wo die 21-Tage-Frist neu begann. Fast vier Jahre saß der Berliner insgesamt in den 70er-Jahren in Bautzen II ein, bevor die Bundesrepublik ihn freikaufte.

Wegen "Spionage und Terror" war er zu 13 Jahren Haft verurteilt worden. Matthies, selbst 1959 aus der DDR abgehauen, war Fluchthelfer. Aus Überzeugung, wie er versichert. Er habe sich nur die tatsächlichen Kosten der Schleusungen bezahlen lassen. Er käme nach Bautzen ins "Haus des Schweigens" habe man ihm nach der Verurteilung gesagt: "Als ich hier nach der Ankunft richtig begriff, was 13 Jahre Haft für mich bedeuten würden, bin ich zusammengebrochen." Matthies erzählt davon gefasst mit Berliner Tonfall und ohne große Emotionen. Doch spurlos ist die Bautzen-Haft nicht an ihm vorübergegangen. Er hat eine lange Psychotherapie gegen seine Panikattacken hinter sich: "Ich kann bis heute nicht im Dunkeln schlafen."

Manfred Matthies ist ein typischer Ex-Häftling des Spezialgefängnisses, in dem der DDR-Geheimdienst auch nach der Verurteilung noch direkten Zugriff auf die Insassen hatte. Hier wurde eingesperrt, wer der DDR besonders gefährlich erschien. Dazu gehörten wirkliche und vermeintliche Spione, besonders erfolgreiche Fluchthelfer, Stasi-Mitarbeiter, die überlaufen wollten und "Staatsfeinde" wie in den 50er-Jahren der Schriftsteller Erich Loest und später der Dissident Rudolf Bahro.

Einzelhaftzellen verwanzt

Bahro saß eineinhalb Jahre in Einzelhaft. "Die Einzelhaftzellen waren verwanzt", sagt Historiker Sven Riesel. Vor einigen Jahren hätten Spezialisten erst die Technik dafür in den Wänden entdeckt.

Das Schicksal von Erich Loest, Rudolf Bahro, aber auch von weniger prominenten Gefangenen wie Manfred Matthies, ist auf vielen Glasstelen beschrieben, die vor den Zellentüren stehen. Dazu kommen zwei Dauerausstellungen, die ebenfalls Einzelschicksale aufgreifen.

Zwei Dauerausstellungen

Die erste befasst sich mit der Geschichte des "gelben Elends" nach 1945 als Haftanstalt der russischen Sonderjustiz. Die zweite, 2006 eröffnete Schau widmet sich der politischen Verfolgung in der DDR ab 1956 und der Geschichte des Bautzener Spezialgefängnisses.

An die Zeit des Hauses als politische Haftanstalt der Nazis erinnert dagegen bis heute kaum etwas. Eine kleine Glasvitrine und eine noch aus DDR-Zeiten stammende Gedenktafel für den hier 1943 inhaftierten tschechischen Kommunisten Julius Fucik sind bisher die einzigen Zeugnisse.

Pläne, auch der NS-Zeit einen angemessenen Ausstellungsbereich zu geben, gibt es seit etwa zehn Jahren. Im Spätsommer 2017 soll es nun endlich so weit sein. Über die Gründe dafür wird heftig gestritten.

Der Geschäftsführer der Stiftung sächsischer Gedenkstätten, Siegfried Reiprich, benennt wortreich eine Vielzahl beteiligter Institutionen, Gremien, Geldgeber und verschiedene unvorhersehbare Probleme, die zu Verzögerungen geführt hätten. Den von Kritikern erhobenen Vorwurf, ihm läge nicht viel an der Aufarbeitung der NS-Zeit, es gehe ihm nur um DDR-Unrecht, weist er als Unterstellung zurück. Reiprichs Vertrag als Chef der Stiftung wurde erst 2014 für weitere sieben Jahre verlängert.

Manfred Matthies, der ehemalige Häftling, der seit Jahren als Zeitzeuge immer wieder seine Geschichte erzählt, hat den Bogen zwischen beiden deutschen Diktaturen für sich längst geschlagen. Was sich bei Pegida abspiele, sei für ihn "aufkommender Laubenpieper-Faschismus".

Da gebe es keine intellektuelle Sperre mehr, "Lügenpresse" zu brüllen und Merkel an den Galgen zu wünschen.

Seine Zeitzeugentätigkeit betrachte er als "Demokratiearbeit". Es gehe nicht darum, nur eine Gedenkstätte zu pflegen, sondern zu vermitteln, wohin die Abkehr von der Demokratie führt. "Unsere verlorenen Jahre hier gibt uns keiner zurück, aber sie dürfen nicht umsonst gewesen sein."

Psychologische Folter

Manfred Matthies wird heute Abend in Bautzen bei einem Podiumsgespräch dabei sei. Den Einführungsvortrag hält Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. "Die Stasi hatte hier einen enorm intensiven Zugriff auf die Gefangenen auch während der Haft und konnte dadurch ihre psychologischen Foltermethoden umfassend anwenden", stellt Jahn die besondere Bedeutung dieser Haftanstalt heraus. Heute sei Bautzen II ein Ort der Erinnerung, die ganz aktuelle Bezüge habe: "Ein solcher Ort hat eine enorme Kraft in der Vermittlung von dem, was Unrecht ist und was der Wert von Freiheit."

Weitere Informationen rund um die Gedenkstätte in der Weigangstraße 8a in Bautzen stehen unter www.gedenkstaette-bautzen.de

Das heute noch als Haftanstalt genutzte Gefängnis am Stadtrand ("Gelbes Elend") wurde 1904 erbaut. Zwei Jahre später folgte die kleinere Haftanstalt in der Innenstadt (Bautzen II). Beide Gefängnisse nutzten die Nazis von 1933 bis 1945 zur Inhaftierung von politischen Gegnern.

1945 wurde das "Gelbe Elend" russisches Speziallager. 27 000 Menschen wurden bis 1950 dort eingesperrt. Bautzen II diente in dieser Zeit als Untersuchungsgefängnis der sowjetischen Besatzungsmacht.

1955 endete die russische Sonderjustiz. Die DDR übernahm selbst die Verfolgung politisch missliebiger Bürger und dazu im August 1956 auch Bautzen II. Das Gefängnis unterstand, anders als andere Haftanstalten, direkt der Staatssicherheit. Bis 1989 waren hier 2700 Menschen eingesperrt, die große Mehrzahl wegen politischer Delikte. Viele wurden vom Westen freigekauft.

1994 wurde Bautzen II Gedenkstätte. Im ersten Jahr kamen 5500 Besucher. 2005 waren es schon 73 000. Seit 2009 liegt die Besucherzahl bei rund 100 000 jährlich. 700 bis 800 Führungen finden pro Jahr statt. Schulklassen nutzen die Gedenkstätte für die politische Bildung.

In der Einzelhaft in Bautzen II starb 1988 der ehemalige Kreisschulrat von Calau, Horst Garau. Offiziell hieß es, er habe sich erhängt. Ehemalige Mitgefangene zweifeln daran. Garau war drei Jahre vorher zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Der gebürtige Cottbuser machte zunächst linientreu Karriere und durfte in den Westen reisen. Dabei arbeitete er als Kurier für die Stasi. Als er zum bundesdeutschen Verfassungsschutz überlief, verriet ihn ein Doppelagent.

In Bautzen II gab es nur einen geglückten Fluchtversuch. Der Berliner Dieter Hötger saß seit 1962 wegen Fluchthilfe ein. 1964 scheiterte der erste Versuch zu entweichen. 1967 gelang es ihm, hinter einem Schrank Mauerziegel einer Wand zu lösen und durch das Loch zu entkommen. Neun Tage später wurde er 20 Kilometer von Bautzen entfernt wieder verhaftet. 1972 kaufte ihn die Bundesrepublik frei.

Zum Thema:
In einem Video berichtet ein Zeitzeuge über seine Zeit in Bautzen II und wie er damit lebt. Im Internet: www.lr-online.de/video Was ein QR-Code ist und wie er funktioniert, erfahren Sie unter www.lr-online.de/qrcode

Zum Thema:
Die Veranstaltung des Fördervereins der Gedenkstätte anlässlich des 60. Jahrestags der Einrichtung von Bautzen II beginnt am Donnerstag um 18 Uhr. Bereits um 16 Uhr erfolgt eine Zeitzeugenführung durch das Gefängnis.