Das Gefängnis auf dem Chemnitzer Kaßberg bietet einen bedrückenden Anblick. Hinter hohen, mit Stacheldraht bewehrten Mauern thronen um einen turmartigen Zentralbau eine Reihe von Zellengebäuden mit winzigen, vergitterten Fensteröffnungen. Häftlinge sitzen in dem Bau aus vorwilhelminischer Zeit aber schon seit 2010 nicht mehr ein. Neben dem massiven Tor hängt vielmehr ein Schild: "Zu verkaufen".

Das 1886 erbaute Gebäude, für das der Freistaat Sachsen derzeit einen Käufer sucht, hat eine in der Bundesrepublik einzigartige Geschichte, wie Clemens Heitmann, Leiter der Chemnitzer Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde, sagt. Auf den Kaßberg kamen seit Mitte der 1960er-Jahre Häftlinge aus der ganzen DDR, die von der Bundesrepublik freigekauft wurden. Im damaligen Karl-Marx-Stadt seien sie einem bürokratischen Prozedere unterzogen und "aufgepäppelt" worden, bevor sie mit Bussen ins westdeutsche Aufnahmelager Gießen gebracht wurden. Für mehr als 33 000 Menschen war der Kaßberg die letzte Station vor der Fahrt in den Westen - das "Tor zur Freiheit", wie es der Historiker formuliert.

Häftlingsfreikauf kein Thema

Geht es nach Heitmann und seinen Mitstreitern, die Ende 2011 einen Verein gründeten, soll künftig im früheren Gefängnis an dieses besondere Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte erinnert werden. Bisher, sagt der Historiker, sei der Häftlingsfreikauf noch in keiner einzigen Gedenkstätte Thema. Aus der Landespolitik kommt prinzipiell Unterstützung: Der Landtag beschloss im November 2011, die Gedenkstättenpläne sollten bei den laufenden Verkaufsbemühungen berücksichtigt werden. Wenn, wie im Januar, potenzielle Käufer das Gebäude besuchen, sind Vereinsvertreter stets mit dabei.

Rückhalt kommt auch von unerwarteter Seite: vom NS-Opferverband VVN-BdA. Für ihn steht bei der Beschäftigung mit dem Gefängnis eine andere Periode im Mittelpunkt, wie Stadtverbands chef Enrico Hilbert sagt. Er erinnert daran, dass das Gefängnis in der NS-Zeit Folterstätte der Gestapo gewesen sei, in der Widerstandskämpfer und politisch Missliebige eingesperrt, teils misshandelt und nach seinen Angaben in mindestens zwei Fällen umgebracht wurden.

Während an anderen sächsischen Orten mit "doppelter" Vergangenheit ein erbittertes Tauziehen darüber einsetzte, mit welchen Akzenten und in welchem Umfang an die jeweiligen Epochen und ihre Opfer erinnert wird, herrscht in Chemnitz erstaunliches Einvernehmen. Der VVN-BdA hat beschlossen, die Gedenkstättenpläne zu unterstützen. So könne in Chemnitz auch ein Erinnerungsort an die NS-Opfer entstehen, der bisher fehle, sagt Hilbert. Einzige Bedingung sei, dass in der Gedenkstätte "keine Gleichsetzung" zwischen NS-Verbrechen und dem Unrecht der DDR-Zeit vorgenommen werde.

Das sichert Hanka Kliese, SPD-Landtagsabgeordnete und Vizechefin des Vereins, zu. Zwar sei der Häftlingsfreikauf wesentliches "Alleinstellungsmerkmal". Eine Gedenkstätte müsse aber ausgewogen die gesamte, mehr als 130-jährige Geschichte des Baus darstellen. Die NS-Opfervertreter lädt Kliese daher ausdrücklich zur Mitarbeit ein. Eine solche Kooperation könne "beispielgebend" für die Erinnerungspolitik in Sachsen sein, sagt die 31-jährige sozialdemokratische Politikerin.

Verein drängt auf Landeshilfe

Auch Hilbert spricht von einer in Sachsen "einmaligen" Herangehensweise. Ob sie Früchte trägt, ist völlig offen. Dem Verein fehlt das Geld, um ein Konzept für die geplante Ausstellung zu erarbeiten. Das müsste zum einen schnell vorliegen, damit die Pläne mit denen möglicher Investoren in Einklang gebracht werden können. Es ist aber auch Voraussetzung, um eine feste Förderung durch die Stiftung Sächsischer Gedenkstätten zu erhalten. Zwar erklärten mehrere Landtagsabgeordnete kürzlich bei der Vorstellung eines neuen Gedenkstättengesetzes, das Gefängnis Kaßberg könne in den Kreis der geförderten Erinnerungsorte rücken. Im Landtag aber will man zunächst ein tragfähiges Konzept sehen.

Aus Sicht Heitmanns ist das ein Dilemma. Für ein Konzept braucht der Verein Geld. Um an Finanzmittel zu kommen, brauche er ein Konzept: "Da beißt sich die Katze in den Schwanz." Er fordert angesichts dieses "Konstruktionsfehlers" im Gesetz die Landesregierung zur Unterstützung auf. Seine Stellvertreterin Kliese hält daneben auch ein Bekenntnis des Bundes zur Gedenkstätte für "wünschenswert". Immerhin sei der Häftlingsfreikauf ein deutsch-deutsches Thema, das sich an wenigen Orten so gut erklären lasse wie hinter den hohen Mauern auf dem Chemnitzer Kaßberg.

Zum Thema:
Im Jahr 1886 wurde auf dem Kaßberg in Chemnitz ein Gefängnis als Königlich-Sächsische Haftanstalt errichtet. Das Haus ist in "panoptischer" Bauweise errichtet: Um einen zentralen Mittelbau sind die dreistöckigen Zellentrakte mit durchgehenden Lichthöfen so angeordnet, dass von wenigen Aufsehern möglichst viele Gefangene überwacht werden können. In der NS-Zeit wurden politisch Missliebige und Widerstandskämpfer auf dem Kaßberg interniert. Das Gefängnis diente als Durchgangsstation auf dem Weg in die Konzentrationslager. Etliche Verhaftete sollen hier zu Tode gefoltert worden sein. In der DDR wurde das Gefängnis teils als Untersuchungshaftanstalt genutzt, teils unterstand es der Staatssicherheit. Von 1963 bis 1989 durchliefen es rund 33 000 Häftlinge, die von der Bundesrepublik freigekauft wurden. Nach 1989 wurde das Gebäude weiter als Justizvollzugsanstalt genutzt, bevor es im Jahr 2010 aufgrund von Brandschutzmängeln geschlossen wurde. Derzeit steht der Gebäudekomplex zum Verkauf. dapd/bl