Es war eine übersichtliche Demonstration, die sich am vorigen Mittwoch vor dem Brandenburger Landtag sammelte. Aufgerufen hatte zu der Aktion der Landesverband Brandenburg des Bundesverbandes Wind-Energie (BWE). Etwa 250 Menschen forderten dort die Abgeordneten des Landes auf, keinesfalls einen 2000-Meter-Abstand von Windtürmen zur Wohnbebauung einzuführen. So eine Vorgabe verbirgt sich hinter dem Stichwort 10-H-Regel. Danach können die Bundesländer bis Jahresende darüber entscheiden, ob sie für ihr Territorium festlegen, dass der Abstand zu Wohnhäusern das Zehnfache der Höhe eines Windrades betragen muss. Bei neuen Anlagen wären das 2000 Meter.

Werbung für Windkraft gefordert

Brandenburg hat bisher keine derartigen Absichten angekündigt, aber die Windenergiebranche ist vorsichtig. 10H sei ein Killerargument, sagt Jan Hinrich Glahr: "Wenn das käme, wäre der weitere Windkraftausbau fast tot." Glahr ist Vorsitzender des Landesverbandes Brandenburg im BWE. Das Land müsse im Rahmen seiner Energiestrategie 2030 offensiver für die Windkraft werben und besser darüber informieren, fordert Glahr. "Rückenwind statt Gegenwind", stand deshalb auf einem Plakat, das vor dem Landtagsgebäude von den Windkraftbefürwortern hochgehalten wurde.

Der "Gegenwind" stand an diesem Tag auch vor dem Landtagsgebäude. Etwa 70 Vertreter der Volksinitiative "Rettet Brandenburg" hatten dort Aufstellung genommen.

Sie fordern genau das, was Glahr verhindert will: Die 10-H-Regelung für Brandenburg. Und Waldgebiete sollen für Windräder künftig komplett tabu sein.

"Es wäre völlig richtig, wenn der Ausbau nicht weitergeht", sagt Thomas Jacob, "wir haben schon mehr Windenergie als wir brauchen." Es gehe darum, das Land vor dem völligen Zubau mit Windmühlen zu retten. Jacob ist 72 Jahre alt und Sprecher der Volksinitiative. Die will bis zum Sommer mindestens 20 000 Unterschriften sammeln, damit sich der Landtag mit ihrer Forderung befassen muss. Jacob lebt in Glietz, Gemeinde Märkische Heide, Landkreis Dahme-Spreewald. "Ich müsste eigentlich nichts mehr machen, hier stehen schon überall Windräder", sagt der frühere Fernsehfilm-Regisseur.

Dass er das nicht verhindern konnte, ist ihm jetzt Ansporn: "Ich will das zu Ende bringen." Als die Volksinitiative sich 2008 gründete, waren zehn lokale Bürgerinitiativen beteiligt. Jetzt sind es 79 örtliche Gruppen. Es scheint, als ob der Erfolg der Windkraftbranche auch den Widerstand dagegen aufleben lässt. Mit dem weiteren Ausbau würden auch die damit verbundenen Herausforderungen und Konflikte sichtbarer, räumt der Brandenburger BWE-Landeschef Glahr ein. Mitglieder von Bürgerinitiativen nutzten immer mehr die öffentliche Beteiligung an der Erstellung von Regionalplänen, um Anträge einzureichen: "Das verlangsamt die weitere Entwicklung."

Brandenburg Vorreiter

Der bisherige Windenergiezuwachs kann sich in Brandenburg sehen lassen. 2014 belegte das Land mit einer installierten Leistung von rund 5500 Megawatt (siehe Grafik) bundesweit im Ländervergleich den zweiten Platz. Fast 200 Türme wurden im vorigen Jahr neu errichtet, Gesamtzahl der Anlagen inzwischen rund 3500.

In Sachsen sieht die Lage viel schlechter aus. Nur 13 neue Windmühlen wurden dort 2014 aufgestellt. Mit nur eintausend Megawatt installierter Windleistung liegt der Freistaat im Bundesvergleich weit hinten.

"Der Ausbau wurde bisher vor allem durch die FDP in der vorigen Landesregierung ausgebremst", beklagt Martin Maslaton, Vorsitzender des sächsischen Landesverbandes des BWE. Der Landesentwicklungsplan in Sachsen müsse geändert werden, sonst käme der Ausbau nicht voran: "Es gibt genug gute Standorte, man muss uns aber auch ranlassen."

Dort, wo sich vor Ort gegen Windkraftanlagen Widerstand rege, müssten die Projektträger mit den Menschen mehr reden. Dem eigenen Verband hält Maslaton vor, sich zu viel auf Diskussionen über Kosten einzulassen: "Wir müssen viel stärker die Kohlendioxid-Einsparung in den Vordergrund stellen."

Schwieriger ist es für die Branche, mit Wirtschaftskraft und Beschäftigung zu werben. Denn es gibt dazu keine amtliche Statistik. "Bei uns treffen sich Elektrotechnik, Metallbau und andere Bereiche", so Jan Hinrich Glar, BWE-Landeschef in Brandenburg. Studien gehen für Brandenburg von rund 6000 Menschen aus, die durch die Windenergie einen Job haben, etwa 800 davon mobile Servicemonteure.

75 Menschen sind bei der UKA Cottbus Projektentwicklung GmbH & Co. KG beschäftigt, zwei Drittel davon Akademiker.

2009 eröffnete die mit 150 Mitarbeitern im sächsischen Meißen ansässige Unternehmensgruppe ihre Cottbuser Niederlassung.

UKA ist ein "Vollentwickler" für Windparks. Das bedeutet, Projektierung, Bau und Betriebsführung werden aus einer Hand angeboten. In Brandenburg hat UKA 17 Windparks mit 156 Rotortürmen errichtet. Die stehen vom Fläming über Elbe-Elster bis in den Oberspreewald-Lausitz-Kreis. Größter Zulieferer der Rotorblätter für UKA ist die Firma Vestas in Lauchhammer.

Kommunen direkt einbinden

In Uebigau-Wahrenbrück im Elbe-Elster-Land versucht UKA gerade über eine Bürgerbeteiligung die Begeisterung für Windstrom zu wecken. Noch in diesem Jahr sollen Anteile an einem dort errichteten "Bürgerwindpark" zum Verkauf angeboten werden, kündigt der Cottbuser UKA-Chef Guido Hedemann an: "Bewohner aus der Gemeinde haben dabei ein Vorkaufsrecht."

Bisher hätten sich etwa 40 Interessenten angemeldet, um Beträge bis 5000 Euro anzulegen, so Hedemann. Die werden jedoch nicht die Mehrheit der künftigen Eigentümer ausmachen, denn eingesammelt wird insgesamt mehr als eine Million Euro. "Das hat natürlich etwas mit der wirtschaftlichen Situation hier zu tun, in Bayern sieht das anders aus", sagt Hedemann. Ein Ausweg, um mehr regionale Beteiligung zu erreichen, könnte die direkte Einbindung einer Kommune sein. Unter sehr engen Bedingungen gebe es dafür kommunalrechtlich Möglichkeiten, sagt Hedemann. "Die Gemeinde Uebigau-Wahrenbrück wäre an so einem Modell jedenfalls interessiert."