Mazowiecki und de Maizière Am Montag kam es im Berliner Schloss Schönhausen deswegen auf Steinmeiers Initiative hin zu einer Begegnung, die die 20. Wiederkehr jenes Jahrestages feierte, an dem in der polnischen Hauptstadt Warschau mit dem ersten Runden Tisch den Kommunisten die Macht abgerungen wurde. Gekommen waren frühere Aktivisten der Gewerkschaft Solidarnosc wie Zbigniew Bujak und Tadeusz Mazowiecki, der 1989 gewählte, erste nichtkommunistische Ministerpräsident des Landes. Und von den Deutschen waren mit Markus Meckel und Lothar de Maizière die dabei, die ihrerseits ein Jahr nach den Polen mit der Beseitigung der kommunistischen Parteiherrschaft in der benachbarten DDR zu tun hatten. Steinmeiers Auswärtiges Amt konfrontierte die Zeitzeugen mit einer Gruppe junger Europäer aus unterschiedlichsten Ländern der Europäischen Union. Es lag wohl an dieser Begegnung mit jungen Menschen, die ihrerseits so gut wie keine eigene Erinnerung an das Schicksalsjahr '89 haben, dass aus dem Treffen dann nicht die allzu oft allzu anekdotenhafte Geschichtenerzählung wurde, sondern tatsächlich über Lehren aus der großteils gemeinsamen Geschichte geredet wurde. Europa-Englisch als Sprache Wie sehr sich inzwischen die neue Generation, die anfängt, Verantwortung zu übernehmen, befreit hat von einem gespaltenen, von Feindschaften geprägten Europa, zeigte sich nicht zuletzt an der Sprache. Die polnischen und deutschen Veteranen, allesamt ergraute Männer, brauchten zur wechselseitigen Verständigung noch die Hilfe von Übersetzern. Die jungen Frauen und Männer, die fragten, redeten in jenem Europa-Englisch, mit dem man zwar keine Literaturpreise gewinnen kann, das aber inzwischen zur Umgangssprache des akademischen Nachwuchses auch in Deutschland und Polen geworden ist. 1989 gingen die Ereignisse "in diesem Völkerherbst über die Träume hinaus", sagte Mazowiecki. Die Polen waren zu Beginn des Jahres "einige Monate allein" mit ihren Hoffnungen - bis dann die Mauer fiel. Aber sie sahen damals schon "das kleine Licht am Ende des Tunnels". Und so definieren sie heute ihre Botschaft an die Jugend vor allem damit, dass das Beharren auf die Menschenwürde und die Hoffnung auf einen Sieg der Freiheit nicht umsonst gewesen sind . Nach Jahren des Kriegsrechts und in Gefängnissen ging ohne sie plötzlich nichts mehr in dem von den Kommunisten heruntergewirtschafteten Land, weil nur ihnen noch das polnische Volk vertraute. Es war im Rückblick eine Würdigung der Dynamik, die entsteht, wenn Menschen sich zutrauen, auf Veränderung zu bestehen. Und die hatte dann auch Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen. Geist der Veränderung Die jungen Teilnehmer, die anschließend versuchten, ein Resümee dieser mehrstündigen Lehrstunde zu ziehen, sagten, dass sie sich gefreut haben, etwas zu spüren von jenem Geist, der vor zwanzig Jahren Europa veränderte. Sie können noch unterscheiden zwischen der unter Denkmalschutz stehenden Inneneinrichtung des Versammlungsortes, an dem der Runde Tisch der DDR tagte, und den Menschen, die damals im Zen trum der Ereignisse standen. Aber zwanzig Jahre, dies wird dann bei der Begegnung mit Zwanzigjährigen besonders deutlich, sind auch eine lange Zeit. Man kann allerdings Brücken schlagen - in der Zeit, wie zwischen den Völkern. Steinmeiers Versuch war darin rundherum gelungen und ein Beispiel dafür, wie 1989 mehr werden könnte, als eine Welle der Nostalgie.