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Erdrutsch: Lauchhammer wird zur Gefahrenzone

Lauchhammer. Rutschungssachverständige schlagen Alarm. Im Lausitzer Altbergbaugebiet in Lauchhammer (Landkreis Oberspreewald-Lausitz) droht das Erdreich nachzugeben. Die Ort rander Straße, die wichtigste der Hauptverkehrsadern ins Stadtzentrum, ist jetzt für schwere Fahrzeuge gesperrt worden. Doch Brummi-Fahrer ignorieren dies und bringen sich und andere damit in Lebensgefahr. Von Kathleen Weser

Die Straße liegt auf geschüttetem Boden des Tagebaus Emanuel (1910 bis 1925) zwischen dem Wehlenteich und dem Kuthteich, die aus einem Kohle-Restloch entstanden sind. Auf dem riesigen Kippen-Areal steht auch eine neue Sporthalle. 20 Meter tief musste der Baugrund für das Gebäude verdichtet werden. In die Problemzone war zur mehr als 100 Jahre andauernden bergbaulichen Trockenzeit auch das Betriebsgelände des Südbrandenburger Nahverkehrs gestellt worden. Ein Wohnhaus an der Ortrander Straße wurde genau auf der Grenze vom gekippten zum gewachsenen Boden errichtet und weist schon zahlreiche Risse auf. Dass gehandelt werden muss, ist seit Anfang der 90er-Jahre bekannt. Da die beiden Teiche zu DDR-Zeiten als Absetzbecken des Bergbaus weiter genutzt wurden, steht trotz des Alttagebaus auch zweifelsfrei fest: Die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) ist für das Areal zuständig. Doch die Sanierungspläne sind bis heute nicht abschließend umgesetzt.

Umweltaltlasten wie Eisenhydroxidschlämme, hohe Naturschutzauflagen für Amphibien am Kuthteich und der begrenzte Finanzrahmen haben die Arbeiten immer wieder hinausgezögert. Auch der verzweifelte Versuch der Stadt Lauchhammer, das Gebiet für eine Landesgartenschau zu erschließen und die Sanierung damit schneller voranzutreiben, war gescheitert.

Die neue Rutschungsgefahr erzeugt nunmehr wieder Druck. Denn das gestiegene Grundwasser und reichliche Niederschläge haben vor allem den Wehlenteich, der wie eine abflusslose Badewanne in der Landschaft liegt, volllaufen lassen wie nie zuvor. Das locker gelagerte Erdreich ist damit auch im Umfeld so mit Wasser gesättigt, dass das brandenburgische Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe (LBGR) in Cottbus die Ortrander Straße für schwere Fahrzeuge zur absoluten Sperrzone erklärt hat. “Auslöser für eine Rutschung ist meist eine große Last„, erläutert Joachim Müller, der Leiter des Arbeitskreises Lauchhammer/Tröbitz-Domsdorf des Braunkohleausschusses Brandenburg. Je höher die Tonnage ist, umso stärker wirken Schwingungen ins Erdreich. Diese können das gefürchtete Verflüssigen der lose gelagerten Sande im Untergrund auslösen. In Lauchhammer werden den neuesten hydrologischen Berechnungen zufolge stellenweise zwischen einem halben und einem Meter höhere Grundwasserstände eintreten als bislang vorhergesagt. Für das Emanuel-Gelände trifft dies zwar nicht zu. Doch mit dem großflächigen Wiederanstieg des Grundwassers bricht in der Lausitz immer wieder der Boden sogar hinter bereits verdichteten unterirdischen Dämmen zusammen, obwohl alle Experten bislang felsenfest davon überzeugt waren, dass die Areale sicher sein müssten. Die dicken Abdeckungen mit trockenem Erdreich galten aus ausreichend - bis im Alttagebau Spreetal (Landkreis Bautzen) im vergangenen Herbst mehrere Hektar saniertes Land völlig überraschend in die Tiefe stürzten.

In Lauchhammer herrschen fast gleich gelagerte geologische Bedingungen wie in den Altbergbaugebieten Knappenrode und Lohsa (Landkreis Bautzen), in denen bereits große Rutschungen zu verzeichnen waren. Die Warnung der Sachverständigen ist daher sehr ernst zu nehmen. “Die Lastkraftwagen- und Busfahrer sind nicht nur verpflichtet, sondern auch gut beraten, das angeordnete Durchfahrtsverbot zu beachten„, betont Ulrich Obst vom Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe. Der Wehlenteich soll kurzfristig eine Ableitung in den Hammergraben erhalten, damit der für das Umfeld bedrohliche Wasserstand gesenkt werden kann. Dann sei auch die Straße wieder so sicher, dass sie voll befahrbar sei. Ein Zeitfenster für die grundhafte Sanierung des Kippen-Areals zwischen den beiden Teichen steht derzeit noch nicht fest, erklärt der zuständige Abteilungsleiter des Landesamtes.

Bei allem Verständnis für die Bergbausanierer, die nach den Grundbrüchen lausitzweit gewaltige Kippenflächen erneut auf die Standsicherheit untersuchen müssen, drängt Lauchhammers Bürgermeister Roland Pohlenz (parteilos) jetzt auf eine “dauerhafte Lösung„ für das innerstädtische Kippen-Areal. “Diese Straße ist für die Stadt immens wichtig. Mit der Sanierung muss zügig begonnen werden„, fordert er. Es sei richtig und wichtig, zuerst den Pegel des Wehlenteiches abzusenken. Bei diesem Provisorium dürfe jedoch nicht wieder Schluss sein. Das gefährliche Erbe des Emanuel-Tagebaus muss endlich abschließend gesichert werden.

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Zum ThemaNach gewaltigen Erdrutschen in der Lausitz hat das brandenburgische Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe in Cottbus angeordnet, Kippenflächen erneut zu untersuchen. In Lauchhammer wird neues Gefahrenpotenzial vermutet. Die Gutachten für die Bergbauregion sollen im März vorgelegt werden.