Deshalb hat der mit der Kohle groß gewordene gebürtige Lauchhammeraner vor sieben Jahren einen Entschluss gefasst: "Ich konnte nicht mehr mit ansehen, wie beinahe alles plattgemacht und verschrottet wurde, was zu Lauchhammers Industriegeschichte gehört", erinnert sich der 67-Jährige. Deshalb gründete er 2001 den Traditionsverein Braunkohle e.V. - Mitglieder zu gewinnen war beinahe problemlos. Ehemalige Kumpel freundeten sich schnell mit den "Rettungsabsichten" von Erhard Scheindel an. Bereits zwei Jahre später stellten die heute 60 Vereinsmitglieder eine Elektrolokomotive mit Wagen auf 60 Meter neu verlegtes Gleis inmitten von Lauchhammer - Prellbock und Signalanlage inklusive. "Ungezählte Stunden haben wir an der Lok gearbeitet. Die Motoren herausgenommen, aufpoliert, gestrichen", erzählt Scheindel und verweist darauf, dass die Arbeit im Verein unentgeltlich ist, und dass er einst auch auf einer solchen Lok gesessen hatte. Als Bergbauingenieur, der als Betriebsführer im Tagebau Klein Leipisch einmal 600 Kumpel unter seinen Fittichen hatte, "habe ich alles gefahren - von der E-Lok bis zum Bagger".
Relikte der Braunkohle wurden in den Folgejahren in nahezu allen Stadtteilen von Lauchhammer platziert. Das größte Projekt, auf das der Vereinschef besonders stolz ist, ging am 1. Mai 2005 mit einer Vorführung in Betrieb: ein 110 Tonnen wiegender Dieselgleisrücker, den die "Rentnerbrigade" im Winter zuvor über sieben Kilometer vom Tagebau Klettwitz-Nord nach Lauchhammer-Nord bugsiert hatte. "Das war unsere bisher größte Leistung. Ich hatte so manches Mal ein mulmiges Gefühl in der Magengegend", schildert der Vater dreier Kinder und fünffache Opa, wie sich der Stahlgigant zwölf Stunden lang zaghaft vorwärts bewegte.
"Er ist schon ein Goldstück", erklärt Lauchhammers Bürgermeisterin Elisabeth Mühlpforte (parteilos). "Ich hätte die Relikte zwar lieber in einem Park nahe der Biotürme gesehen. Aber die Leute vom Traditionsverein waren nicht zu bremsen." Für die Bürgermeisterin war Erhard Scheindel dennoch der richtige Mann zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle. Denn die Relikte der Braunkohle seien nur noch jetzt zu sichern. "Für Zeugnisse aus den Kokereien sind wir schon zu spät gekommen. Es ist fast nichts mehr da", bedauert der Vereinschef, der allerdings nicht Erhard Scheindel heißen würde, wenn er nicht doch noch etwas für die Nachwelt Erhaltenswertes entdeckt und gerettet hätte: eine Kokerei-Fackel, deren Flamme einst weithin zu sehen war. "Drei Jahre brauchen wir noch", schätzt der Braunkohle-Enthusia st, dann soll das Vorhaben "Hauptwache Kokerei" mit Baggerantrieb, Kohlepresse, Bagger mit Loren und jener Fackel fertig sein.
Die vielen Stunden im Ehrenamt für den Braunkohleverein sind aber längst nicht alles, womit sich Erhard Scheindel den wohl verdienten Ruhestand versüßt. Seit 30 Jahren mischt er bei den Keglern des SV Glückauf Klein Leipisch mit. Und dann sind da noch Amanda, Luzi und Rosi - drei Diesellokomotiven, die einst Loren aus Brikettfabriken und Kokereien gezogen haben. Heute stehen sie im Lokschuppen von Lauchhammers Parkbahn, die in den zurückliegenden Jahren Tausende Besucher durch das Gelände gefahren, aber auch schon vor dem Aus gestanden hatte. 1997 etwa, als die Achsen verschlissen waren. Ein Fall für Erhard Scheindel: Bis 2003, als Lauchhammer den 50. Jahrestag des Stadtrechts feierte, hat er mit seinen Vereinsmitgliedern die Gefährte wieder flott gemacht. Inzwischen, nachdem im Frühjahr der Orkan Kyrill auch im Stadtpark gewütet hat, stehen wieder alle Räder still. Das Gleisbett ist beschädigt und die Stadt hat kein Geld. Zuversicht kommt von Erhard Scheindel: "2008 rollen die Züge wieder." Bis dahin müssen 1200 Schwellen im Gleisbett ausgewechselt sein.
Wer sind Ihre "Helden des Alltags"? Senden Sie Ihren Vorschlag unter dem Stichwort "Helden" an: politik@lr-online.de

Steckbrief Mit einer Aprilia durch Deutschland touren
Geboren am 3. August 1940 in Lauchhammer-West (Oberspreewald-Lausitz).
Familie: Ehefrau Monika, Kinder Jürgen (44), Hans (43), Sabine (40) und fünf Enkelkinder.
Beruf:
Schlosser, Baggerfahrer, Bergbauingenieur.
Größte Niederlage: Dass Werner Meyer, unser versiertester Mann im Verein und bei der Parkbahn, in diesem Jahr bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam.
Größter Erfolg: Jede Aufstellung von Relikten des Bergbaus ist ein Erfolg.
Zuletzt geärgert
habe ich mich, wie der Vorstand von Energie Cottbus mit Trainer Petrik Sander umgegangen ist.
Zuletzt gefreut
habe ich mich, als der Oldie-Verein Schwarzheide mir und meiner Frau Dankeschön gesagt hat - mit eine Tagestour in einer Packard-Luxuslimousine.
Wenn ich einen Wunsch frei hätte. . . , würde ich mir ein Aprilia-Motorrad kaufen und wieder einmal zwei Wochen durch Deutschland touren, Verwandte und Kumpel besuchen.
Lebensmotto: Stets Freundschaft zwischen den Menschen pflegen.
Vorbild: Alexander von Humboldt.
Was ich noch sagen wollte: Es ist schade, dass die Stadt Lauchhammer unseren Traditionsverein zu wenig einbezieht .