Herr Giesting, Deutschland hat die Energiewende ausgerufen. Merken Sie in den regionalen Verteilnetzen von EnviaM schon etwas davon?

Ja, aber das schon seit Jahren. Durch die massive politische Förderung der Erneuerbaren Energien spüren wir das ganz deutlich. Wir haben schon jetzt in unserem Netz mehr aus erneuerbaren Energien erzeugten Strom, als hier in der Region verbraucht wird.

Und der Trend hält an. In Ostdeutschland wird spätestens 2020 sechsmal so viel Strom aus erneuerbaren Energien produziert, wie gebraucht wird. Damit stehen wir vor der großen Herausforderung, den überschüssigen Strom abzuleiten.

Wie ernst ist die Situation bei EnviaM? Für die Übertragungsnetze, die großen Stromautobahnen, hat die Bundesnetzagentur ja gerade vor einem drohenden Zusammenbruch gewarnt, weil der Ausbau zu langsam vorangeht.

Die gelbe Warnlampe leuchtet bei uns auch, weil die Zunahme der Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Quellen deutlich stärker steigt, als wir mit dem Netzausbau hinterher kommen. Dass das Licht ausgehen könnte, die Gefahr sehe ich jedoch nicht. Die Ballungsräume in Westdeutschland sind da auch schwieriger zu handhaben, als unsere Region hier im Osten.

Was müsste sich denn ändern, damit der Netzausbau an Fahrt gewinnt?

Wir alle, Energieversorger, Politik, Bürger, Forschungsinstitute und die Medien müssen verstehen, dass die Energiewende tatsächlich eine Mammutaufgabe ist. Und die kann nur bewältigt werden, wenn jeder seinen Beitrag dazu leistet. Es gibt dazu keinen Plan B. Die Energiewende muss gelingen, sonst würden wir unsere Volkswirtschaft massiv gefährden. Deshalb geht es nicht darum, wechselseitig Forderungen aufzumachen. Wir müssen gemeinsam schauen, was hindert uns daran, die Energiewende umzusetzen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Die vorhandenen Verwaltungsvorschriften erlauben es nicht, beim Netzausbau das Tempo mitzugehen das wir auf der Erzeugungsseite bei den Erneuerbaren Energien haben. Die Planfeststellungsverfahren dauern zu lange. Das muss entschlackt werden, aber das kann nicht die Branche selbst vornehmen, das kann nur die Politik. Deshalb muss uns die Politik da unterstützen.

Können Sie sich vorstellen, dass der Zubau von Stromerzeugung aus Wind und Sonne sogar zeitweise gedrosselt werden könnte, um mit dem notwendigen Netzausbau nachzukommen?

Das wird auch tatsächlich passieren. Aber eine solche Drosselung wird zu einem Windhundrennen führen, um vor einem Stichtag schnell noch alles in die Wege zu leiten, um bauen zu können. Deshalb wird die Wirkung erst mittelfristig zu sehen sein und uns nicht akut helfen.

Aber ich bin sicher, dass das kommen wird, nicht nur wegen des Netzausbaus, sondern auch weil uns sonst die Kosten davon laufen.

Wer bezahlt den Netzausbau?

Die Kunden in den Netzregionen, denn diese Kosten werden auf die Netzentgelte für die Stromdurchleitung umgelegt.

Ostdeutschland trifft das besonders hart, weil hier besonders viel erneuerbare Energie zugebaut wird. Das ist auf Dauer nicht volkswirtschaftlich sinnvoll, weil es zum Standortnachteil für die neuen Bundesländer wird.

Heute sind die Netzentgelte in Ost und West schon sehr unterschiedlich, und die Schere geht weiter auf. Es muss ein bundesweites Umlageverfahren für die aus erneuerbaren Energien resultierenden Netzausbaukosten geben, aber dafür braucht man politische Mehrheiten.

Beim Netzausbau wird immer wieder der Vorwurf laut, die Kosten seien auch deshalb so hoch, weil die großen Stromkonzerne als frühere Eigentümer die Wartung und Instandhaltung vernachlässigt hätten. Stimmt das?

Nein. Schauen sie sich die Ausfallzeiten in Deutschland an und in den Nachbarländern. Da leben wir mit dem deutschen Stromnetz noch auf einer Insel der Glückseeligen. Überraschend war aber auch für viele Fachleute der massive Zubau von erneuerbaren Energien in bestimmten Regionen und das dabei vorgelegte Tempo, gerade in Nord- und Ostdeutschland. Das haben wir so nicht vorhergesehen.

Sie sagen, die Energiewende sei alternativlos. Wie kann EnviaM diesen Prozess kreativ mitgestalten?

Wie sind Teil der Lösung und nicht Teil des Problems. Die Energiewende zu bewältigen ist unsere ureigenste Aufgabe. Dazu müssen wir unser Netz so schnell wie möglich zukunftssicher machen. Das geschieht. Bis 2020 stecken wir rund 1,3 Milliarden Euro da hinein zusätzlich zu dem, was wir sowieso investieren wollten. Mal sehen, ob das reicht.

Haben sie für diesen Netzausbau die nötigen technischen Erkenntnisse, oder fehlt da noch Forschung? Sie arbeiten ja eng mit der BTU in Cottbus zusammen.

Nicht nur mit der BTU. Die Energiewende ist eine Operation am offenen Herzen, in allen Bereichen.

Es gibt keine Blaupause für das, was deutschlandweit gerade beim Netzumbau geschieht. Deshalb werden wir massiv Geld in Forschungsvorhaben gerade mit der BTU in Cottbus stecken.

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Zum ThemaEnviaM ist der führende ostdeutsche Energieversorger bei Strom und Gas. Er versorgt Kunden auch mit Wärme, Wasser und Dienstleistungen. Neben der Envia Mitteldeutsche Energie AG mit Sitz in Chemnitz gehören 17 weitere Gesellschaften zu dem Verbund. Mehrheitsgesellschafter ist RWE.Die EnviaM-Verteilnetz GmbH ist im Nieder-, Mittel- und Hochspannungsbereich für die Stromleitung in rund 34 000 Kilometern Freileitungen und 44 500 Kilometern Erdkabel zuständig. Das Netzgebiet umfasst 26 000 Quadratkilometer.