Immer wieder geht die Hintertür des ehemaligen Hertie-Kaufhauses in Görlitz auf, verlassen einzelne oder mehrere Personen das Gebäude oder verschwinden mit Paketen auf dem Arm darin. Gespannt schaue ich, ob darunter vielleicht ein Hollywoodstar zu entdecken ist. Denn Ralph Fiennes, Jude Law, Tilda Swinton, Jeff Goldblum und weitere hochkarätige Schauspieler hat es in die kleine Stadt an der Neiße verschlagen. Sie stehen in den kommenden Wochen für den Film "The Grand Budapest Hotel" an verschiedenen Schauplätzen - darunter Hertie-Kaufhaus und Stadthalle - in und um Görlitz vor der Kamera. Am Montag haben die Dreharbeiten offiziell begonnen. Nun halte ich Ausschau nach den großen Stars. Denn eine Chance, ans Set zu kommen, gibt es für Journalisten zurzeit nicht. "Da wird hoch konzen triert gearbeitet. Da können Sie nicht stören", sagt Eike Wolf, Sprecher vom Studio Babelsberg, dessen Tochterfirma "Neunzehnte Babelsberg Film" die Produktion von "The Grand Budapest Hotel" übernommen hat.

Also stehe ich nun am alten Görlitzer Hertie-Kaufhaus, wo heute gedreht werden soll, um einen Blick auf die Stars zu erhaschen. Dabei komme ich mit Karola Schmidt ins Gespräch. Sie arbeitet im Imbiss vom Bistro "Zum Hungrigen Wolf". Der liegt dem Hintereingang des alten Jugendstilkaufhauses gegenüber, ist nur geschätzte 25 Meter davon entfernt.

Trotz des "guten Ausblicks" hat aber auch Karola Schmidt noch keinen der weltberühmten Schauspieler sichten können. "Wir haben das alte Taxi stehen sehen. Und wir haben eine Schauspielerin mit Klapphut und einen Mann im Frack in das Auto reinstürzen sehen", erzählt die 60-Jährige mit den freundlichen Gesichtszügen. Aber ob das einer der weltberühmten Schauspieler oder ein Nebendarsteller war, kann Karola Schmidt nicht sagen. "Das ging viel zu schnell." Beobachten konnte sie auch, wie alte Möbel, Schrankwände und Öfen im Stil der Zwanziger Jahre in das ehemalige Hertie-Kaufhaus geschafft wurden. "Ich höre auch so einiges, was sich die Mitarbeiter zurufen", so die Snackverkäuferin. Daher wisse sie, dass auch in der historischen Badeanstalt "Freisebad" gedreht werden soll. "Jetzt gerade sollen sie in der Stadthalle sein." Also laufe ich zur Stadthalle, hoffe, dort einen der großen Schauspieler zu Gesicht zu bekommen.

Am Hintereingang des Gebäudes herrscht Betrieb. Immer wieder laufen Crewmitglieder rein und raus. Einige tragen Headsets und diskutieren auf Englisch miteinander. "We are busy filming" ("Wir drehen gerade"), sagt einer zu mir. Jude Law oder Ralph Fiennes sind jedoch weit und breit nicht zu sehen. Hin und wieder trauen sich ein paar Komparsen - über 1000 aus Görlitz und Umgebung wurden für den Film gesucht - hinaus, holen sich Kaffee am Speisewagen oder rauchen. Einer trägt eine Jagduniform mit knielangen grünen Hosen, kniehohen karierten Strümpfen, ein dunkelgrünes Jackett, einen Jagdhut mit Federn. Ein anderer hat eine Art Hoteluniform an: eine graue Stoffhose mit weinroten Seitenstreifen, schwarze Lackschuhe, ein weißes Hemd, eine rote Fliege. Er erzählt, dass er seit zehn Uhr morgens am Set ist, seit vier Stunden auf seinen Einsatz wartet. Seinen Namen verrät er nicht. "Sonst bekomme ich noch Ärger." Denn eigentlich dürfte er nichts erzählen. Die Produktionsfirma will nicht, dass Informationen über die Dreharbeiten nach außen dringen. Kurz darauf kommt ein Setmitarbeiter zu mir, weist mich darauf hin, dass ich genügend Abstand halte, denn man schätze Görlitz als Drehort auch deshalb, weil man hier weitgehend ungestört arbeiten könne.

Die Ruhe und die vielen historischen Görlitzer Bauten schätzten auch andere Regisseure. So diente die Stadt an der Neiße in der Vergangenheit bereits zahlreichen Filmproduktionen als Schauplatz. 2003 entstand in Görlitz "In 80 Tagen um die Welt" mit Jackie Chan. 2008 standen Kate Winslet und David Kross in der Neißestadt für "Der Vorleser" vor der Kamera. Im selben Jahr kam Quentin Tarantino, um "Inglourious Basterds" mit Brad Pitt, Daniel Brühl, Til Schweiger und anderen zu drehen. Auch Szenen vieler deutscher Verfilmungen sind in Görlitz entstanden, darunter "Goethe!" (2009) mit Moritz Bleibtreu und Alexander Fehling, "Die Vermessung der Welt" (2011) mit Florian David Fitz in der Hauptrolle oder "Der Turm" (2011), wo Jan Josef Liefers und Claudia Michelsen auf der Besetzungsliste standen.

Doch mit der Ruhe könnte es für die Stars von "The Grand Budapest Hotel" in Görlitz bald vorbei sein. Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass die Hollywoodgrößen im "Hotel Börse" am Görlitzer Untermarkt wohnen. So ist für die Schauspieler das komplette Hotel gebucht. Im Erdgeschoss des Hauses werden Jude Law & Co. geschminkt. Durch einen kleinen Spalt in einer Gardine kann man Schminkutensilien, Scheinwerfer, Kostüme an Kleiderständern sehen. Im Fenster liegen zwei große Schminkkoffer. Nummer 54 von 58 steht auf einem.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Hotels steht die 26-jährige Janett mit einer Freundin. Sie wollten eigentlich nur eine rauchen. Jetzt hätten sie mitbekommen, dass die Schauspieler in dem Hotel wohnen; hoffen, nun einen davon zu sehen, erzählen sie.

Kurz darauf ist es dann so weit. Ralph Fiennes eilt in einer schwarzen Jacke mit hochgezogenem Kragen und einem Buch unter dem Arm Richtung Hotel. Ich schaffe es gerade, ihn schnell von der Seite zu knipsen. Einer der anderen Journalisten, die vorm Hotel gewartet haben, ist schneller, kommt mit seiner Filmkamera ganz nah ran. Erst später wird mir klar, dass ich nur wenige Minuten vorher an Ralph Fiennes vorbeigelaufen bin, ihn aber hinter der Scheibe des Restaurants "St. Jonathan" nicht erkannt habe. Wie ärgerlich. Dabei bin ich sogar noch mal zurückgegangen, habe ihn durchs Fenster hindurch gemustert, ihm in die Augen gesehen.

"Manchmal kommen die Schauspieler mit Mantel und Hut, dann erkennt man sie gar nicht", beruhigt mich Christoph Zschornack vom Ratscafé "Kretschmer". Und er muss es ja wissen. Denn in der Konditorei, schräg gegenüber vom "Hotel Börse", sind schon einige bekannte Schauspieler auf einen Kaffee vorbeigekommen. "Wir hatten schon Nicolas Cage hier. Florian David Fitz und Jan Josef Liefers waren auch schon da", erzählt der 40-Jährige.

Also gönne ich mir im Café, dem die Stars vertrauen, einen Cappuccino und spähe durch die Scheibe, ob sich nicht vielleicht vorm Hotel ein Hollywoodstar zeigt. Die Kamera liegt griffbereit. Als wieder ein schwarzer Van vorfährt, gehe ich in Stellung. Und dann gelingt es mir, Jeff Goldblum zu fotografieren. Ich bin begeistert. Jude Law bekomme ich leider nicht zu sehen. Im Gegensatz zu Ratscafé-Stammgast Henrik Adam, der mehr Glück hatte: "Ich habe Jude Law gesehen. Der war hier am Sonntag joggen." Auch im Restaurant "St. Jonathan" habe er schon einige der Stars sitzen sehen.

Worum es im Film "The Grand Budapest Hotel", der in den nächsten Wochen in und um Görlitz entsteht, geht, wird geheim gehalten. Bekannt ist nur, dass er in den Goldenen Zwanzigern spielt und sich um die Erlebnisse des Hotelempfangschefs M. Gustave rankt.