Bereits im Präsidentschaftswahlkampf im vergangenen Jahr spielte Lech Kaczynski außenpolitisch auf der europa- und deutschlandskeptischen Klaviatur. Er befürwortete die Aussöhnung mit Deutschland und Russland, kündigte aber an, polnische Interessen entschlossen zu vertreten. Wenige Tage vor seinem Besuch in Berlin kritisierte Kaczynski im Gespräch mit dem "Spiegel" denn auch erneut die von Moskau und Berlin geplante Gas-Pipeline durch die Ostsee "um die Grenzen Polens herum". Für die Leitung gebe es "gar keine" ökonomischen Gründe. Seine bisherigen Gespräche mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu dem Thema bezeichnete er offen als "nicht befriedigend".
Auch in Bezug auf die Vertriebenenproblematik hatte Kaczynski im Wahlkampf Ressentiments gegen Deutschland bedient: Er ließ eine Schadensbilanz der Zerstörung Warschaus durch die Nazis veröffentlichen, drohte damit, dass Polen den Forderungen deutscher Vertriebener den Anspruch auf Entschädigungszahlungen für die Zerstörung Warschaus entgegenhalten könne. Das von Vertriebenen-Präsidentin Erika Steinbach geforderte Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin lehnte Kaczynski im Vorfeld seiner Berlin-Reise erneut deutlich ab.

Kind der Nachkriegsgeneration
Trotz aller Kritik sieht sich der 56-Jährige nicht als Gegner Deutschlands. Er sei kurz nach dem Krieg geboren und als "typischer Pole meiner Generation . . . weder besonders antideutsch noch besonders prodeutsch", betonte er kürzlich. Seit 1970 werde in Polen von "Versöhnung" gesprochen, die "wesentliche psychologische Barriere" zwischen beiden Ländern sei längst gefallen. Diese Barriere komme aber erneut hoch, wenn "gewisse Fragen" in Deutschland wieder auf die Tagesordnung kämen, sagte er mit Blick auf die Diskussion um das Vertriebenen-Zentrum. Kaczynski gelangte in Polen im Doppelpack mit seinem Zwillingsbruder Jaroslaw an die politische Spitze. Im vergangenen Oktober siegte er überraschend bei der Stichwahl um das Präsidentenamt gegen den Liberalen Donald Tusk. Sein Bruder verzichtete angesichts der öffentlichen Vorbehalte gegen ein Zwillingspaar an der Spitze des Staates auf das Amt des Ministerpräsidenten und agiert seitdem als Vorsitzender der von beiden gegründeten rechtskonservativen Regierungsp artei Recht und Gerechtigkeit (PiS).

Rechtskonservative Politik
Obwohl beide Brüder in den Achtzigerjahren bei der Gründung der Gewerkschaft Solidarnosc mitwirkten, stehen sie heute für eine nationale, wertkonservative und stark katholisch geprägte Politik. Lech Kaczynski tritt für die Todesstrafe ein, ließ als Warschauer Oberbürgermeister mehrfach Schwulenparaden verbieten. Während Jaroslaw Junggeselle ist und bei der Mutter wohnt, ist Lech verheiratet, Vater einer Tochter und Großvater.

Zum Thema Ausstellung in Berlin
 Trotz aller Widerstände wird vom 10. August bis 29. Oktober 2006 im Berliner Kronprinzenpalais eine Ausstellung über Vertreibungen in Europa im 20. Jahrhundert gezeigt. Anhand von dreizehn europäischen Beispielen sollen Gemeinsamkeiten, aber auch die Unterschiede bei Ursache, Wirkung und Folge von Flucht und Vertreibung dokumentiert werden. Initiator und Organisator ist die Stiftung „Zentrum für Vertreibungen“ , deren Vorsitzende Erika Steinbach ist.