Bodo F. läuft. Durch die Straßen von Hoyerswerda, durch den Wald, an einem Seeufer entlang, stundenlang. "Nur laufen und genießen", sagt der 40-Jährige, "spüren, du bist frei und kannst hingehen, wo du willst." Fünfzehn Jahre lang konnte der mittelgroße, schlanke Mann, der Kette raucht und älter aussieht, als er ist, nicht hingehen, wo er wollte. Er saß in Bautzen im Gefängnis. Seine Strafe: Lebenslänglich wegen Mordes.

Über seine Kindheit in einem kleinen Ort in Sachsen-Anhalt will Bodo F. nicht reden. "Ich hatte nie eine richtige Familie", das ist alles, was er dazu sagt. Eines Tages, Anfang Dezember 1987, gerät er, reichlich angetrunken, wegen eines nichtigen Anlasses mit der Hauswirtin seines Bruders in Streit. Er prügelt auf die Frau ein, sticht ihr mit einem Messer in den Hals, bis die Frau tot ist. Am nächsten Morgen stellt er sich selbst der Polizei. Zwei Tage später wird er 25 Jahre alt.

Beschönigen will er seine Tat auch jetzt nach Verbüßung seiner Strafe nicht: "Das wird man nicht los, das kommt immer wieder hoch, die Last, die man damit trägt, kann einem niemand abnehmen."

Im Herbst 1989, als in Berlin die Mauer fällt, ist Bodo F. Hausarbeiter in Haus 2 des Bautzner Gefängnisses. Ein paar Tage habe er gebraucht, um überhaupt zu begreifen, was da geschah, erinnert er sich. Hoffnung war plötzlich da, dass aus lebenslänglich nun vielleicht eine Zeitstrafe wird, sagt er, und dann Wehmut, als die anderen alle gehen konnten, sogar die Sexualstraftäter. Bodo F. musste bleiben.

Der dramatische Wandel in Ostdeutschland Anfang der 90er-Jahre findet für Bodo F. im Fernsehen statt. Hinter Gittern herrscht damals Unsicherheit und ein Hauch von Anarchie. Die Schließer haben für uns sogar von draußen Videos geholt, erzählt der ehemalige Langzeithäftling. Der darf 1992 zum ersten Mal vor das Gefängnistor: vier Stunden begleiteter Ausgang. Die neuen Farben, Gerüche, das erste Bier aus dem Westen: "Das war ein richtiger Schock."

Mit der deutschen Einheit werden die Gefängnismauern durchlässiger für Post. Vorschriften, wie oft und wem man schreiben darf, sind plötzlich weg. Bodo F., der sich im Gefängnisalltag eingerichtet hat, sucht jetzt den Kontakt nach draußen. Dabei lernt er eine Familie aus Hoyerswerda kennen, die sich seiner annimmt, ihn nach der Entlassung im Dezember vorigen Jahres am Gefängnistor abholt und zunächst bei sich wohnen lässt. Jetzt zieht er in eine eigene kleine Wohnung.

Im Gefängnis entwickelt Bodo F., der Mörder, der nie eine richtige Familie hatte, Hobbys. Er bäckt Kuchen und fängt an, kleine Bilder zu sticken. Erst im Jahr 2000 bekommt er einen Ausweis als Bundesbürger. Eigentlich hätte das bis 1995 erledigt sein müssen, aber er hatte sich gesträubt. Dafür 25 Euro zu bezahlen, das sah er nicht ein. Was sollte ich als Lebenslänglicher mit einem neuen Ausweis, begründet er seinen Widerstand. Erst als er in den offenen Vollzug kommen soll und die Aussicht besteht, dass er nach 15 Jahren entlassen werden könnte, nimmt er das neue Papier an.

Bodo F. hat in der Haft immer gearbeitet: als Hausarbeiter, in der Gefängnisküche, im offenen Vollzug dann in einer Werkstatt und in einer Gärtnerei. Den Lohn, zum Schluss reichlich ein Euro die Stunde, hat er gespart. Noch im offenen Vollzug macht er die Fahrerlaubnis und bezahlt alte Schulden. Er kauft sich ein gebrauchtes Auto.

Mit dem fährt er nach seiner Entlassung in seinen Heimatort in Sachsen-Anhalt, mit Druck auf der Brust, wie er sagt. Sehr verändert habe sich der Ort, er sei schöner geworden. Vor seinem Elternhaus hält Bodo F. an. Eine halbe Stunde sitzt er im Auto, dann fährt er weiter. Ausgestiegen ist er nicht. Der Kontakt zu seinen Verwandten ist schon seit vielen Jahren abgerissen.

Große Probleme hat Bodo F. nach seiner Entlassung mit dem Einkaufen. Nicht die Vielfalt der Waren verwirrt ihn, sondern die verschiedenen Preise. Vergleichen, wo ist was billiger, welche Marke bietet welche Qualität, das ist er nicht gewöhnt. Doch Bodo F. muss vergleichen, sein Arbeitslosengeld ist knapp. Dafür fällt ihm der Umgang mit dem Euro leicht. Bodo F., der durch seine Haftzeit die DM als Zahlungsmittel übersprungen hat, rechnet nicht im Kopf um, wie viele Lausitzer.

Fremd sind dem ehemaligen Langzeitgefangenen auch die verschiedenen Behörden, mit denen er seit seiner Entlassung zu tun hat. Früher, so sagt er, in der DDR, sei das einfacher gewesen: Wohnung und Arbeit wurden Strafentlassenen zugewiesen. Trotzdem wünscht sich Bodo F. die DDR nicht zurück: "Bisher habe ich nur gute Erfahrungen gemacht, alle haben mir geholfen, so gut sie konnten."

Das Arbeitsamt kann Bodo F. jedoch nicht helfen. Sein vor 20 Jahren erlernter Beruf, Metallurge für Walzwerktechnik, nützt ihm nichts mehr. "Ich würde jede Arbeit machen, Ansprüche kann ich nicht mehr stellen", schätzt er realistisch ein. Dass er ohne Job bleibt, vielleicht auch, weil viele mit einem wie ihm, einem ehemaligen Lebenslänglichen, nichts zu tun haben wollen, davor hat er Angst.
Bodo F. will arbeiten, auch um wenigstens einen Teil seines hinter Gittern verpassten Lebens nachzuholen: "Die schönsten Jahre sind doch weg, ich fange mit 40 noch mal ganz von vorne an." Er will auch reisen, weiter fahren als bis in sein Heimatdorf in Sachsen-Anhalt. Doch unabhängig vom knappen Geld, ist ihm das Altbundesgebiet noch nicht ganz geheuer. Hoyerswerda im Jahr 2003, das ist ihm vorerst Westen genug. "Die Welt ist härter geworden", sagt er.

Bekanntschaften zu schließen, neue Freunde zu finden, fällt Bodo F. schwer: Dazu müsste ich viel weggehen, dazu fehlt mir aber das Geld. Mit früheren Mitgefangenen will er keinen Kontakt mehr, unter diese Zeit will er einen Schlussstrich ziehen. Die 15 Jahre hinter Gittern haben ihn spürbar scheu gemacht. "Ich will anderen Leuten nicht zu nahe treten", sagt er unsicher.

Angst hatte er auch, als er zum ersten Mal ins Schwimmbad ging. "Ich dachte, alle werden mich anstarren wegen meiner vielen Tätowierungen", sagt Bodo F., aber niemand habe geguckt. Auch das habe sich verändert.

Drei Monate nach seiner Entlassung ist Bodo F. noch immer optimistisch, dass er sich in der doppelt fremden Freiheit einrichten wird. "Man kann nicht alles auf einmal erwarten", sagt der 40-Jährige, als ob er sich selbst Mut machen will, "man muss Geduld haben." Warten und Geduld haben, das hat er im Bautzner Gefängnis gelernt, 15 Jahre lang.