"Das ähnelt
mehr
einer OP
ohne Blut
und Geruch."
 Gunther von Hagens
über das Plastinieren


Wenn Gunther von Hagens in der Stadt ist, fällt er auf. Wie könnte man ihn übersehen? Er hat einen Teil Gubener Industrietradition zum Markenzeichen gewählt. Nie sieht man den 61-Jährigen ohne Hut. Das ist seine Verbeugung vor den Anatomen des frühen 17. Jahrhunderts, speziell an Doktor Nicolaes Tulp, den Rembrandt mit einem breitkrempigen schwarzen Hut malte.
Das Bekenntnis zur Kopfbedeckung aus Filz bringt ihm zusätzliche Sympathiepunkte ein. Ausschlaggebend für die Popularität, die er mittlerweile in der Stadt genießt, ist aber vor allem, dass er allen Einwänden von Skeptikern und Kritikern zum Trotz damit begonnen hat, ein Versprechen einzulösen. Zum 1. November werden 41 neue Mitarbeiter bei von Hagens Körperwelten-Imperium angestellt sein, alle aus Guben und dem näheren Umfeld. Lediglich vier Fachkräfte aus Polen werde er auch in Guben einsetzen, sagt von Hagens.
Seit bekannt geworden war, dass der Heidelberger sich an der Neiße mit einer Plastinationswerkstatt ansiedeln will, haben sein Institut für Plastination 703 Initiativbewerbungen um Jobs in Guben erreicht. „Das zeigt die schwierige Situation, aber auch die Willenskraft einer ganzen Region“ , meint von Hagens.
Von denen, die mit ihren Bewerbungen Glück hatten, wird ein großer Teil in der Verwaltung, der Lagerhaltung oder im technischen Bereich tätig sein, acht aber auch in der Plastinationswerkstatt. Auf ihre Arbeit werden sie zurzeit in China und Heidelberg vorbereitet.

Bis zu 5000 Besucher täglich
„Hier werden die sieben Werkstattbereiche sein.“ Von Hagens breitet die Arme aus und lässt die 1000 Quadratmeter große, säulengestützte Fabrikhalle wirken. Bis zu 5000 Besucher am Tag können hier ab dem 17. November dabei zuschauen, wie die toten Körper von Tieren oder menschlichen Körperspendern konserviert und präpariert werden, wie Skelette oder Gefäßstrukturen erhalten werden, wie die Körper, die zu einer späteren Existenz als Scheibenplastinate bestimmt sind, von einer riesigen Säge zerteilt werden ( „egal, ob Robbe, Pferdekopf oder Mensch“ ), wie diese Querschnitte mit Licht und Wärme gehärtet und mittels einer Sieben-Ton nen- Schleifmaschine zu zwei Millimeter dünnen, transparenten Schaustücken werden.
Für manchen eine Horror-Vorstellung. Für von Hagens nicht: „Plastination hinterlässt einen ästhetischen und keinen Gruseleffekt. Wir zerlegen ja nicht Menschen mit dem Schlachtmesser, sondern der Besucher erlebt, wie ein Körper in oft mehr als 1000 Stunden Arbeit von Fachleuten präpariert wird. Das ähnelt mehr einer OP ohne Blut und Geruch.“
Von Hagens hält ein Scheibchen Ente gegen das Licht, lässt den Querschnitt in der Sonne funkeln wie ein Bleiglasfenster: „Hier ist der Magen, man kann die Steine darin noch erkennen. Hier die Lunge . . .“ Solche Scheibenplastinate von Tieren kann der Plastinariumsbesucher später auch als Erinnerungsstück erwerben. Jene von menschlichen Körperspendern würden aber nur zu wissenschaftlichen und medizinischen Zwecken abgegeben, versichert von Hagens. Der Bedarf daran sei groß, wie er erst in diesem Jahr wieder auf einem Radiologen-Kongress in Chicago erfahren habe. Auch Universitäten, namentlich in Amerika, setzten zunehmend auf die Scheibenplastinate für die Ausbildung von Medizinern.
Dennoch bleibt ein guter Teil von dem, was von Hagens tut und bezweckt, öffentliche Zurschaustellung. Seine Körperwelten-Ausstellungen, in denen kunstfertig hergerichtete Leichen in Posen und Szenen erstarrt sind, kennt man weltweit. Sie haben Millionen Besucher, sind aber auch, besonders in Deutschland, umstritten.
Für seine Kritiker, die es auch in Guben gibt, zeigt von Hagens Verständnis - es sei nicht leicht, sich so direkt mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert zu sehen. „Ich freue mich sogar, dass es so viel qualifizierte Kritik gibt“ , sagt von Hagens. „Damit wird etwa angestoßen, was ich als den Kulturkampf der Körperwelten bezeichne.“
Dazu gehört nun eben auch, das Publikum in Guben hinter die Kulissen der Körperwelten zu führen. In einem weiteren Fabriksaal werden die Gubener den Vorzug genießen, als erste die neu hergestellten Ganzkörperplastinate zu sehen, bevor diese auf Ausstellungsreise gehen. In diesem Schauraum treffen sie zur Eröffnung zum Beispiel auf eine Pokerrunde, die eigens für den neuen James-Bond-Film „Casino Royale“ plastiniert wurde. Filme werden übrigens auch in Guben gedreht. Von Hagens richtet dafür gerade die einstige Lehrwerkstatt als Studio her. Das Gebäude hat er ausgewählt, weil es eine verglaste Galerie hat, durch die geladene Gäste zuschauen können, wenn von Hagens vor der Kamera Leichen öffnet und untersucht.
1,5 Millionen Euro hat Gunther von Hagens nach eigenen Angaben bisher in die Herrichtung der alten Fabrikgebäude gesteckt. Vor dem Winter waren Dächer abzudichten, marode Fenster zu erneuern, Tordurchgänge zu verschließen. Die Säle haben Fußbodenheizungen und frischen Estrich bekommen. As bestbelastete Decken mussten entfernt, Balken saniert werden.

"Ein eigenwilliges Völkchen"
Von Hagens führt Gäste in diesen Tagen gern auf eines der Fabrikdächer, um ihnen das ganze Ausmaß der Sisyphusarbeit zu zeigen. Noch etwa zwei weitere Millionen wird er in die Instandsetzung der Gebäude investieren müssen, schätzt er. So weit oben über den Dächern von Guben, bekommt von Hagens jenen entrückten, in unerreichbare Fernen gehenden Blick, den man von ihm kennt. An einer Birke, die sich durch elf Lagen Dachpappe krallt, macht er Halt. Für ihn ein Symbol der Widerstandskraft, die er selbst zeigt und die er auch in den Gubenern zu erkennen glaubt. „Sie sind ein eigenwilliges Völkchen“ , sagt er. „Ich bin auch eigenwillig, das trifft sich gut.“
Weil er sich in der Neißestadt so gut aufgenommen fühlt, wird er es ihr mit einem Geschenk danken. Auf seine Art. Wer sich an der Kasse als Gubener ausweist, darf umsonst in die Plastinariumsschau. Für alle anderen bleibt immerhin der kostenfreie Zugang ins Foyer, wo eine Ausstellung über die Geschichte der Anatomie auf das Plastinarium einstimmt.