Frau von der Leyen, welche Note würden Sie der schwarz-gelben Koalition am Jahresende geben?

Noten gibt man sich nicht selbst. Ich kann nur sagen, dass diese Regierung hart gearbeitet hat. Und es gab erhebliche Herausforderungen wie etwa die Euro-Krise, die Energiewende, die Bundeswehrreform. Da haben Kanzlerin und Kabinett bei aller Stilkritik Erfolge vorzuweisen. Wirtschaft und Arbeitsmarkt brummen. Nehmen Sie nur die Abkehr von der hemmungslosen Schuldenmacherei. Hier hat Angela Merkel ein echtes Umdenken in Europa herbeigeführt.

Die Wirtschaftsprognosen fürs nächste Jahr lassen eher eine Stagnation erwarten. Befürchten Sie steigende Arbeitslosenzahlen?

Dafür gibt es keinerlei Anzeichen. Die Firmen machen sich angesichts ihrer nach wie vor gefüllten Auftragsbücher eher Sorgen, wo sie die qualifizierten Arbeitnehmer dafür finden sollen. Falls die Weltwirtschaft einbricht, haben wir bewährte Kriseninstrumente wie die staatlich geförderte Kurzarbeit, um dagegen anzukämpfen.

Im Gegensatz zu Ihnen will Familienministerin Kristina Schröder keine feste Quote, um mehr Frauen in wirtschaftliche Führungspositionen zu bringen. Wer wird sich durchsetzen?

Frau Schröder hat hier die Federführung. Deshalb gilt es, in Ruhe ihren Gesetzentwurf abzuwarten und dann darüber zu diskutieren. Meine Vorstellung ist, dass am Ende eine klare Zahl, also 30 Prozent Frauen in den Dax-Aufsichtsräten, als Ziel stehen muss. Auf dem Weg dahin, kann man flexibel vorgehen. Anders als im Mittelstand sind die Chefetagen der meisten Großkonzerne immer noch fast frauenfreie Zonen. Die Versprechen der letzten zehn Jahren haben kaum Veränderung gebracht, deswegen müssen jetzt eindeutige Ziele festgelegt werden. Dann stehen wir auch im internationalen Vergleich nicht mehr so schlecht da.

Warum vertreten Sie nicht mit gleicher Vehemenz einen allgemeinen flächendeckenden Mindestlohn?

Wir haben am guten Beispiel der inzwischen elf Branchenmindestlöhne gelernt, dass es kritische Branchen befriedet, wenn Arbeitgeber und Gewerkschaften die richtige Lohnhöhe aushandeln. Damit ist Deutschland seit fünfzehn Jahren gut gefahren. Jetzt geht es darum, für die weißen Flecken, in denen es keine Tarifverträge gibt, die Grenze nach unten festzulegen. Entscheidend ist, wie man das macht. Ich habe für eine allgemein verbindliche Lohnuntergrenze geworben, die marktwirtschaftlich von den Tarifpartnern gefunden wird. Das ist jetzt Beschlusslage der CDU. Ein politischer Mindestlohn dagegen, bei dem Parteien das Sagen haben und sich im Wahlkampf überbieten, würde Arbeitsplätze kosten.

Nur etwa jeder Vierte der 60 bis 64-Jährigen hat gegenwärtig noch einen Job. Ist es da nicht nachvollziehbar, dass viele Menschen die im kommenden Jahr beginnende Einführung der Rente mit 67 als verkappte Rentenkürzung empfinden?

Vordergründig mag das so aussehen, doch das ist nicht das ganze Bild. Die Zahl der Erwerbstätigen über 55 hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt, die der über 60-Jährigen ist sogar um 150 Prozent gestiegen. Und das, obwohl die Rente mit 67 da noch kein Thema war. Die Frage ist doch, was meine Generation, um die es hier geht, sich zutraut und was wir unseren Kindern an Lasten aufbürden wollen. Die heutige Generation bezieht im Schnitt bereits acht Jahre länger Rente als ihre Großeltern. Wenn die Renten nicht gekürzt und die Beiträge für die Jungen nicht unzumutbar erhöht werden sollen, dann bleibt nur, von den gewonnenen Lebensjahren schrittweise bis zu zwei Jahre länger zu arbeiten. Ich halte das für die fairste Lösung.

Was haben Sie sich für 2012 vorgenommen?

Es gibt ein Thema, das bislang viel zu kurz gekommen ist: die psychischen Belastungen in der Arbeitswelt. Jeder dritte Bürger, der heute vorzeitig in Rente geht, tut das, weil er den Anforderungen seines Jobs psychisch nicht mehr gewachsen ist. Im Schnitt gehen die Leute mit Mitte Vierzig. Das ist für die Betriebe wie für die Gesellschaft ein Riesenverlust. Allein die Behandlungskosten dafür belaufen sich auf geschätzte 27 Milliarden Euro im Jahr. Diese Zahlen sollten aufrütteln.

Was wollen Sie dagegen tun?

Nach dem Arbeitsschutzgesetz muss, wer den Arbeitsschutz auch in seelischer Hinsicht vernachlässigt, mit empfindlichen Strafen bis hin zu Gefängnis oder Betriebsstilllegung rechnen. Wir brauchen also keine schärferen Gesetze. Studien zeigen, dass sieben von zehn Unternehmen das Thema schleifen lassen - meist aus Unwissenheit oder Hilflosigkeit. Deswegen müssen wir besser informieren, Lösungswege aufzeigen, kontrollieren und die Beteiligten motivieren.

Warum?

Arbeitsausfälle, Behandlung und Renten kosten, kluge Vorsorge kann Milliardensummen sparen. Wir wollen uns im nächsten Jahr mit den Tarifpartnern, Sozialversicherungsträgern sowie Länderexperten zusammensetzen, um wirksame Maßnahmen gegen psychische Überlastungen im Beruf zu entwickeln. Ich stelle mir dazu eine breit angelegte Kampagne vor.

Mit Ursula von der Leyen

sprach Stefan Vetter