Der Himmel ist blau, halbrund und hölzern. Jedes Engelchen trägt ein weißes Nachthemd, jedes spielt sein Instrument so konzentriert wie beim Weihnachtskonzert der Kreismusikschule. Als die bürgerliche Welt noch in den Fugen war, wünschten sich Mütter und Großmütter solch knuffig-adrette Kinderlein. Die Firma Wendt & Kühn lieferte sie. 2015 wird der Familienbetrieb aus Grünhainichen 100 Jahre alt. Sein Engelberg mit Engelorchester ist seit Jahrzehnten ein Klassiker.

Der reale Engelberg von Grünhainichen zieht sich hinter der Dorfstraße nach oben. Wendt und Kühn machte die 2200-Einwohner-Gemeinde zum zweiten Zen-trum der erzgebirgischen Holzspielzeug-Industrie, nach Seiffen. Hinter dem alten Fachwerkhaus, der Zentrale von Wendt & Kühn, wuchs die Firma über die Jahre immer weiter den Hang hoch. Immer wieder kamen neue Lager und Werkräume dazu, in die einzig mögliche Richtung, immer weiter nach oben. Doch das Gesicht blieb immer gleich, Grete Wendts Haus, wo Claudia Baer im ersten Stock ihr Büro hat.

Die 48-Jährige, eine geborene Wendt, führt seit 2011 zusammen mit ihrem Bruder Florian die Geschäfte. Ein solches Unternehmen erfolgreich in die Moderne zu führen, gehe nur mit Kontinuität, sagt sie: "Mit zu viel Anpassung an Trends macht man zu viel kaputt." Bloß nicht die Stammkunden verschrecken. Das Rückgrat der Kundschaft, das sind "unsere Sammler", betont die Chefin. Leute also, die jedes Jahr "das neue Instrument" dazukaufen, bis der Engelberg voll ist. Die Sammler sind viele, über 80 000 haben das Firmenmagazin abonniert. Am Anfang war die erzgebirgische Holzspielzeugtradition. Dann, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, kam die junge Margarethe Wendt vom Studium an der Dresdner Kunstgewerbeschule zurück in ihr Heimatdorf. Mit der Idee, dem Grünhainichener Engel Beine zu machen. Aus der bis dahin strengen, uniformierten Drechselfigur machte die Gestalterin ein kleines Mädchen mit Locken, Babyspeck und Nachthemd.

Das Engelchen wurde bald zum Musikanten weiterentwickelt. Der Durchbruch kam 1937, als Grete Wendt mit ihrem Engelberg auf der Pariser Weltausstellung den Grand Prix und eine Goldmedaille gewann. Daneben entwarf Grete Wendt pummelige Kinderfiguren, die sich bis heute gut verkaufen. Sie heißen Blumenkinder, Freunde oder Margeritenengel. Sie sollten aussehen wie glückliche Kinder vom Land, die mit Bommelmütze Schlitten fahren oder Blümchen pflücken.

Das Kindchenschema zieht bis heute. An die 250 000 Engelsfigürchen werden pro Jahr in den Werkstätten hinterm Fachwerkhaus gedrechselt, geklebt, in Farbe getaucht und schließlich bemalt. Die Harten unter den Sammlern erkennen in den Gesichtern der Engel die Handschrift der Malerinnen.

Am Stil hat sich seit 100 Jahren nichts geändert. Auch nicht über die DDR-Jahre, als der verstaatlichte Betrieb als "VEB Werk-Kunst Grünhainichen" weiterlief. Diesen Namen setzte Claudia Baers Vater durch, um die Initialen W-K zu erhalten. Hans Wendt leitete die Geschäfte und holte den Betrieb nach der Wende zurück in Familienbesitz. Mit 181 Mitarbeitern und zehn Azubis ist Wendt & Kühn der größte Arbeitgeber der Branche im Erzgebirge. "Wir sind einer der wenigen Betriebe, die das ganze Jahr über produzieren", sagt Claudia Baer, Jahresumsatz 8,5 Millionen Euro. "Wir wollen natürlich auch das ganze Jahr über verkaufen."

Indes: Der Grünhainichener Engel gilt, wie Pyramide und Schwibbogen, als Weihnachtsaccessoire, das das Jahr über in der Kiste schläft. Das Weihnachts-Image ist marketingtechnisch ein Segen, aber eben nur vor Weihnachten. Auch beim Vertrieb setzt Claudia Baer auf Kontinuität. Gleich nach Amtsübernahme hat sie ihre 750 Vertragseinzelhändler einzeln abgeklappert, um sicherzustellen, dass der Standard der Läden stimmt. Die Figürchen und Spieldosen müssen das ganze Jahr über angeboten werden. "Wir brauchen ein Umfeld, wo sich unsere Produkte auch wohlfühlen", sagt sie. Wenn all das passt, braucht Wendt & Kühn das Rad nicht neu zu erfinden. Es genügt, die Klassiker neu zu interpretieren. Wie das kleine, süße, pummelige Mädchen mit dem Geschenk.

"Die hatten wir zum Muttertag in unserem Magazin", erzählt die Chefin. Dann kamen die Sammler und fragten gierig nach der Muttertagsfigur. Mütter stehen drauf.