"Wendt & Kühn hat mir hier den Weg geebnet", sagt die ehemalige Ärztin, die im Westen einen Neuanfang wagte. Die mit traditioneller Holzkunst ihrer Heimat groß gewordene Frau aus dem Erzgebirge vermittelt im deutschen Südwesten mit viel Sachkenntnis das Wissen über Kunsthandarbeit aus Sachsen. Dieses Traditionsbewusstsein verbindet sie mit Tobias Wendt, der in dritter Generation die 1915 gegründete Wendt & Kühn KG in Grünhainichen führt.
Wendt steht voll hinter einer unlängst im Erzgebirge gestarteten Kampagne gegen Plagiate einheimischer Produkte, die häufig in Niedriglohnländern in Fernost preisgünstig gefertigt werden. Es gehe nicht um das Original an sich, sondern um die Herkunft. "Meissner Porzellan muss aus Meißen kommen und Matrjoschkas sind nur aus Russland echt", zieht Wendt Parallelen zu anderen oft kopierten Produkten. "Wir sind eine deutsche Firma mit deutscher Produktion und einer langen Tradition", betont der Firmenchef.

Begeisterte Amerikaner
Und diese findet auch in Übersee Beachtung. Auf der vom Freistaat Sachsen ausgerichteten Feier zum Tag der deutschen Einheit in der Botschaft in Washington etwa konnten sich 2500 Besucher von Handarbeit "made in Saxony" überzeugen. Gern hätten die Amerikaner auch die Elf-Punkte-Engel vom Stand weg gekauft, doch dafür war die Veranstaltung nicht gedacht. Sie könnte aber eine Startbasis für die Ausweitung des USA-Geschäftes von Wendt & Kühn werden. Übers Internet seien schon Händleranfragen gekommen.
Insgesamt macht der Export derzeit knapp zehn Prozent der Gesamtproduktion aus, darunter in die Benelux-Staaten, nach Skandinavien und - mit steigender Tendenz - nach Japan. Ende der 1920er-Jahre wurden schon einmal drei Viertel aller Erzeugnisse exportiert, zu DDR-Zeiten gar bis zu 90 Prozent. Bis zur Jahrtausendwende sei die Nachfrage stets größer als das Angebot gewesen, sagt der in Holztechnik, Marketing und Vertrieb ausgebildete Ingenieur Wendt. Eine Marktsättigung sieht Wendt zwar aufgrund der Bekanntheit, Modellvielfalt und der relativen jahreszeitlichen Unabhängigkeit seiner Produkte nicht. Jedoch spüre das Unternehmen schon eine gewisse Kaufzurückhaltung bei Luxusgütern. Auch würden die Bestellzeiten des Fachhandels immer kurzfristiger.

Immer neue Sammlerstücke
Die Bedürfnisse von Sammlern, zu denen schon Marlene Dietrich und Helene Weigel gehörten, können auch in 20 Jahren noch mit immer neuen Figuren aus den Musterbüchern der Firmengründerin Margarete Wendt und ihrer Schwägerin Olly befriedigt werden. Der erste Engelmusikant erblickte 1923 das Licht der Welt. Seitdem werden jährlich zehntausende Figuren in Handarbeit zusammengesetzt und bemalt. Lediglich die hölzerne Teile, die für die Körper der Figuren benötigt werden, sind vom Drehautomaten gefertigt. Die größte Abteilung ist nach wie vor jene, in denen die Figuren bemalt werden. Die meisten Beschäftigten sind Frauen.
Hannelore Lohr hat kein Problem damit, dass sie tagein, tagaus mit kurzem, schnellem Pinselschwung den Engeln und Blumenkindern winzige Augen, Nasen und Münder verleiht. Diesen Arbeitsgang muss man besonders lange üben. "Ich wollte es probieren und mache es jetzt seit sechs Jahren", sagt die Gesichtermalerin, die wie Ellen Pfüller in Tübingen mit der erzgebirgischen Volkskunst einen neuen Berufsweg eingeschlagen hat. Als Textilingenieurin hatte sie in ihrer Heimatregion keine Chance mehr.