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| 02:40 Uhr

Energischer Macher oder rücksichtsloser Diktator?

FOTO: Helbig
Cottbus/Hoyerswerda. Hat der beurlaubte Geschäftsführer des kommunalen Cottbuser Carl-Thiem-Klinikums (CTK) bei Auftragsvergaben korrekt gehandelt? Eine Tiefenprüfung soll das klären. Doch dahinter stehen offenbar auch andere Konflikte. Simone Wendler / ta

Im Lausitzer Seenland-Klinikum Hoyerswerda gibt es in zwei Wochen Grund zum Feiern. Das mehrheitlich in kommunalem Besitz befindliche 440-Betten-Haus eröffnet eine neue Klinik für Neurologie. Chefarzt wird Andreas Linsa, der mit Steffen Heider einen ausgewiesenen Diagnostiker für neurologische Erkrankungen mitbringt.

"Das sind zwei renommierte Fachärzte, wir sind sehr froh, dass sie zu uns kommen", sagt die Pressesprecherin des Seenland-Klinikums. Bisher arbeiteten Linsa und Heider als Oberärzte im Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum. Linsa hatte sich als langjähriger Stellvertreter des ausscheidenden Chefarztes vergeblich für dessen Nachfolge beworben. Dafür, dass er und Heider nach Hoyerswerda wechseln, machen viele im CTK vor allem Geschäftsführer Andreas Brakmann verantwortlich.

Zahlreiche Kündigungen

"Diese beiden ausgewiesenen Fachleute weggehen zu lassen, war ein eklatanter Fehler", sagt ein Kenner des Krankenhauses, der wie viele in dieser Geschichte nicht namentlich genannt werden will. Doch die beiden Neurologen sind nicht die einzigen leitenden Mitarbeiter, die seit Brakmanns Dienstantritt vor einem Jahr dem CTK den Rücken kehren. Wer sich umhört, erfährt viele weitere Namen.

Jüngstes Beispiel ist der Chefarzt der Frauenklinik, der Cottbus im Spätsommer verlässt. Auch seine Frau, bisher Oberärztin in der Augenklinik, geht. In einer vor vier Wochen veröffentlichten Pressemitteilung des CTK heißt es, dass das polnische Medizinerpaar "auf eigenen Wunsch" ausscheide.

Ultimatum für Chefarzt

Der "eigene Wunsch" sei eine Art Ultimatum von Geschäftsführer Brakmann gewesen, berichten Insider vertraulich. Der bisherige Chefarzt hätte einer Klinikteilung zustimmen und für die Hälfte seines bisherigen Verantwortungsbereiches eine zweite Chefärztin neben sich akzeptieren sollen. Der 2010 nach Cottbus gekommene Klinikchef kündigte stattdessen.

"Der Mann ist ein Fehlgriff, ein absoluter Diktator, alle sind froh, wenn der wieder weg ist", fasst einer die Meinung vieler Mitarbeiter über Andreas Brakmann zusammen. Diese schlechte Stimmung scheint sich auch bis in den Aufsichtsrat des kommunalen Schwerpunktkrankenhauses herumgesprochen zu haben. Neben Arbeitnehmervertretern sitzen dort Abgeordnete der Stadt und der Chef der Sparkasse Cottbus-Spree-Neiße.

Stadt und Brakmann schweigen

Am Dienstag hatte der Aufsichtsrat Brakmann, der an diesem Tag noch Urlaub hatte, überraschend mit sofortiger Wirkung von der Führung seiner dienstlichen Geschäfte beurlaubt. Zu den Gründen für diesen Schritt hüllt sich die Stadt auch am Mittwoch in Schweigen.

An den nun unweigerlich auftauchenden Gerüchten werde sich die Stadt nicht beteiligen, erklärte Bürgermeisterin Marietta Tzschoppe (SPD) vor den Stadtverordneten: "Das eine oder andere muss man da ertragen." Das sei schon mit Blick auf etwaige juristische Auseinandersetzungen begründet. Der beurlaubte An-dreas Brakmann lehnt ebenfalls jede Erklärung gegenüber der RUNDSCHAU ab.

Nach RUNDSCHAU-Recherchen soll das Verhältnis zwischen Brakmann und der Stadtspitze schon seit längerer Zeit getrübt gewesen sein. Im November gab es dann eine routinemäßige Prüfung der Krankenhausbücher. Dabei sollen freihändige Auftragsvergaben aufgetaucht sein, die nicht den Richtlinien eines kommunalen Unternehmens entsprechen.

Das Klinikum hatte im vorigen Jahr mit dem kompletten Umbau seiner Notaufnahme begonnen. Für die kommenden Jahre hatte Brakmann weitere Um- und Anbauten sowie Gerätekäufe für insgesamt fast 70 Millionen Euro geplant. Wie in den Vorjahren wird der Jahresabschluss 2015 voraussichtlich wieder einen Gewinn ausweisen.

Gründliche Buchprüfung

Trotz des wirtschaftlichen Erfolges lässt die Stadt nun die Akten in Brakmanns Büro genauer unter die Lupe nehmen, um die offenen Fragen aus der Prüfung im Spätherbst aufzuklären. In etwas mehr als einer Woche sollen die Ergebnisse der Tiefenprüfung dem Aufsichtsrat des CTK vorgelegt werden.

Der gerät jetzt auch unter Erklärungsdruck, warum Brakmann vor einem Jahr überhaupt eingestellt wurde. Denn in Thüringer Ärztekreisen ist es ein offenes Geheimnis, dass er in seinem vorherigen Job als Geschäftsführer des Zentralkrankenhauses in Suhl ähnlich verfuhr wie in Cottbus. Dort sollen fast alle erleichtert gewesen sein, als Brakmann nach eineinhalb Jahren seinen Vertrag selbst kündigte, um nach Cottbus zu wechseln.

Ähnlicher Führungsstil in Suhl

Denn vorher hatten auch am Suhler Zentralklinikum überdurchschnittlich viele gute Fachärzte gekündigt. "Die sind qualifiziert genug, um einem Geschäftsführer auch mal hart zu widersprechen und brauchen keine Angst vor Arbeitslosigkeit zu haben", so ein Kenner der Branche. Hoch qualifizierte Mediziner seien ein wesentlicher Teil des Gesichtes einer Klinik und fänden sofort wieder einen guten Job. Für ein Krankenhaus sei es dagegen gefährlich, in kurzer Zeit mehrere solcher Leistungsträger zu verlieren.

Zum Thema:
Eine Beurlaubung - wie sie gegen den CTK-Geschäftsführer Andreas Brakmann ausgesprochen wurde - ist arbeitsrechtlich gesehen eine Freistellung von den Arbeitspflichten. Wie der Cottbuser Fachanwalt für Arbeitsrecht, Peter Albert, gegenüber der RUNDSCHAU erläutert, kann ein GmbH-Geschäftsführer jederzeit von seinen vertraglichen Dienstpflichten freigestellt werden. In der Regel hat die Freistellung den Zweck, Tatsachen oder Vorwürfe gegen den Geschäftsführer auf ihre Tragweite beziehungsweise eine etwa erforderliche Abberufung zu überprüfen. Mit der Beurlaubung bringt der Arbeitgeber gleichzeitig zum Ausdruck, dass der Geschäftsführer seinen Arbeitsplatz nicht mehr aufsuchen darf, so Anwalt Albert. Offensichtlich trifft dies auch auf den Fall Brakmann zu.Falls es im CTK ungerechtfertigte freihändige Auftragsvergaben gegeben hat, könnte das für die Stadt teuer werden. Denn für Fehler Einzelner steht sie über Amtshaftungsansprüche gerade. Wie der Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbandes Berlin-Brandenburg, Axel Wunschel, erklärt, müsse sich die öffentliche Hand grundsätzlich an das Ausschreibungsrecht halten. Allerdings sei eine freihändige Vergabe unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Dass der CTK-Aufsichtsrat jetzt prüfe, "ist völlig richtig". ta