Herr Hartmann, fünf Jahre Energiewende in Deutschland, ist das für einen regionalen Energiedienstleister wie EnviaM mehr Lust oder Frust?
Sie ist Lust geworden. Das ist ein nachhaltiger Trend, auf den haben wir uns eingestellt und ihn zur Grundlage unserer Strategie gemacht. Wir investieren selbst in regenerative Energien und integrieren erneuerbare Energien in unser Netz. Da es hier schon sehr viele Anlagen gibt, sind wir darauf angewiesen, neben dem Netzausbau auch die Netzoptimierung voranzutreiben und dafür neue technische Lösungen zu entwickeln.

EnviaM baut neue Netze und Umspannwerke, eigene Windparks und Ladestationen für E-Autos. Sie bieten sogar Solaranlagen zur Pacht an. Das klingt alles nach Fortschritt und Erfolg. Wo sind die Probleme?
Die zeigen sich zum Beispiel daran, dass wir im vorigen Jahr mehr als 500 Mal im Krisenmanagement in unser Netz eingreifen mussten, um die Stabilität zu erhalten. 2010 waren es 16 Eingriffe. Wir hatten im vorigen Jahr auch über 17 000 Entschädigungen für Kunden, deren Wind- oder Solaranlagen wir zur Netzsicherung abschalten mussten. Früher haben das fünf Mitarbeiter erledigt, heute brauchen wir dafür ein eigenes IT-System. Wir sind da im Osten viel stärker gefordert, weil die Energiewende hier schon viel weiter ist als in anderen Regionen. Viele der damit verbundenen Kosten bekommen wir jedoch regulatorisch nicht anerkannt.

Weiß denn die Bundesregierung, dass es da Regelungsbedarf gibt?
Natürlich, seit Langem. Wir finden dafür aber keine offenen Ohren, weil das zu einer weiteren finanziellen Belastung der Stromverbraucher führen würde. Die will im Moment niemand verantworten.

Der Anteil erneuerbarer Energie im Strommix beträgt inzwischen 30 Prozent. Ziel der Bundesregierung für 2035 sind 55 bis 60 Prozent. Wird der Ausbau in diesem Tempo weitergehen? Wenn ja, mit welchen Folgen?
Mit dem neuen EEG hat der Gesetzgeber jetzt den ungezügelten Ausbau beschnitten, um ihn in einen gewünschten Korridor zu überführen. Das gibt uns erst mal wieder Planungssicherheit. Dies ist auch für den notwendigen Netzausbau wichtig.

Wir haben jetzt schon sehr oft wesentlich mehr erneuerbare Energieerzeugung als Verbrauch in unserem Netzgebiet. Wir speisen deshalb an manchen Tagen schon mehr als 3000 Megawatt in das Übertragungsnetz zurück.

Dieser Strom muss abtransportiert werden. Das ist Voraussetzung für den Bau neuer Erzeugungsanlagen.

Seit fünf Jahren lassen Sie regelmäßig in ihrem Geschäftsgebiet eine Umfrage unter Privatkunden, Kommunen und Firmen durchführen. In diesem Jahr ist dabei erstmals die Zustimmung zur Energiewende um zehn Prozent zurückgegangen. Woran liegt das?
Die meisten Befragten sind mit der Umsetzung der Energiewende unzufrieden.

Da geht es besonders um die Kostenverteilung und Streitigkeiten zwischen Bund und Ländern und zwischen dem Bund und der EU, zum Beispiel über den Bau von Stromtrassen und den richtigen Erzeugungsmix.

Befürchten Sie eine weitere Abnahme der Akzeptanz, wenn diese Probleme nicht gelöst werden?
In diesem Jahr werden fast alle Gesetze überarbeitet, die den Rahmen bilden für die Weiterentwicklung der Energiewende. Das bietet die große Chance, die Probleme, die wir erkennen, auch zu lösen. Die ostdeutschen Besonderheiten werden aus unserer Sicht jedoch noch nicht ausreichend berücksichtigt. Aber das Jahr ist ja noch nicht zu Ende. Den Landespolitikern ist die zunehmend kritische Stimmung hier im Osten durchaus bewusst.

Ein anderer Aspekt neben den Kosten ist die Sorge um die Versorgungssicherheit. Sind solche Sorgen berechtigt?
Wir haben in Deutschland eine hohe Ingenieurkunst. Ich bin zuversichtlich, dass es uns gelingt, das Netz immer noch rechtzeitig so weiterzuentwickeln, dass es keine großen Ausfälle gibt. Das bedeutet, nicht nur Leitungen zu ziehen, sondern auch die Speicherfragen zu beantworten. Und wir brauchen die Akzeptanz der Bevölkerung für den notwendigen Leitungsbau.

Es gibt fast jede Woche neue Meldungen zu Energiespeichern. Sehen Sie da schon einen Durchbruch?
Speicher bedeuten erst mal Investitionen wie in Kraftwerke. Wenn wir neben bestehenden konventionellen Kraftwerken und regenerativer Erzeugung noch in Speicher investieren, müssen die auch von allen mitfinanziert werden. Wir werden Speicher für Strom und Wärme zuerst in privaten Haushalten sehen. Das Interesse der Bürger daran ist aber auch mit dem Autonomiegedanken verbunden. Wenn sie aber nur einmal im Jahr das öffentliche Netz beanspruchen, werden sie alle dort vorhandenen Fixkosten mittragen müssen. Dies gilt es zu beachten.

In den Plänen des Bundesumweltministeriums spielen auch Elektro-Autos eine große Rolle. Auch sie sollen Strom speichern und die Netze entlasten. Glauben Sie, dass sich das auch außerhalb von Großstädten entwickelt?
Ja, gerade außerhalb von Großstädten. Wir haben Studien dazu durchgeführt. Schon heute gibt es die meisten Elektro-Fahrzeuge im ländlichen Bereich, wo Stellplätze in der Nähe des eigenen Hausanschlusses vorhanden sind. Ab 30 000 Kilometer Jahresleistung ist ein Elektroauto heute schon rentabler als ein Fahrzeug mit Verbrennungsmotor. Wir haben das zusammen mit Partnern im Flottenbetrieb getestet. Und wir haben Kunden auch einen speziellen Tarif angeboten. Wenn das Auto dann geladen wird, wenn es das Netz am stärksten entlastet, gibt es Rabatt. Das wird angenommen. Ich bin deshalb sehr zuversichtlich, dass die Elektromobilität an Bedeutung gewinnen wird.

Mit Tim Hartmann

sprachen Simone Wendler

und Christian Taubert