Als ein Lichtblick in Krisenzeiten für die Weltwirtschaft gilt Russlands Aufnahme in die Welthandelsorganisation WTO. 1993 stellte die Energiegroßmacht den Antrag, musste aber so lange wie kein anderes großes Land auf den Beitritt warten. Der WTO-Ministerrat will die Mitgliedschaft Russlands als letzter großer Volkswirtschaft am heutigen Freitag in Genf beschließen. Vor allem russische Verbraucher hoffen auf stabilere oder sinkende Preise und westliche Investoren auf mehr Sicherheit bei ihren Geschäften im größten Land der Erde.

Für eine weitere Liberalisierung des Welthandels gilt der WTO-Beitritt Russlands als der wichtigste Schritt seit der Mitgliedschaft Chinas vor zehn Jahren.

Immer wieder stand das Aufnahmeverfahren für den weltgrößten Öl- und Gasförderer auf der Kippe. Lange galt Russlands Festhalten an hohen Importzöllen und Agrarsubventionen als Hindernis. Zudem ging es lange um den Widerstand von WTO-Mitgliedern wie Georgien, die sich von der Atommacht politisch unter Druck gesetzt fühlen. Russland werde jetzt endlich fester in die Weltwirtschaft eingebunden, sagte WTO-Generalsekretär Pascal Lamy kürzlich.

Für westliche Investoren steht der Markt mit den mehr als 140 Millionen Menschen trotz verbreiteter Korruption, Rechtsunsicherheit und Bürokratenwillkür hoch im Kurs. Die Unternehmen hoffen, dass die Hindernisse weniger und ihre Geschäfte in Russland leichter werden.

„Wir glauben, dass Russlands WTO-Beitritt den offenen und fairen Wettbewerb und die internationale Zusammenarbeit fördern wird“, sagt Frank Schauff, Chef der Vereinigung Europä ischer Unternehmen in Moskau. Zudem gibt es nun neue Hoffnungen auf eine Freihandelszone zwischen Russland und seinem größten Handelspartner, der EU, sowie auf ein Ende der als geschäftsfeindlich kritisierten Visapflicht.

Aus Sicht von Unternehmern können sich die Russen durch eine Senkung von Zollgebühren nun auf eine größere Vielfalt an preiswerteren Produkten freuen. Derzeit bezahlen sie für importierte Waren 30 bis 40 Prozent mehr als im Westen.

Kommentatoren in Moskau sprechen von einem historischen Schritt. Erstmals würden einheimische Produzenten gezwungen, die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen, schreibt etwa die regierungskritische Zeitschrift „The New Times“. Besonders der nicht konkurrenzfähige Bankensektor werde den internationalen Druck zu spüren bekommen. In vielen Wirtschaftszweigen erwarten Experten Massenentlassungen in den oft noch sowjetisch geprägten Betrieben.

Zwar sind für den Abbau des vom Westen immer wieder gerügten Protektionismus in Russland mitunter lange Übergangszeiten vereinbart. Auch den Schutz von Urheberrechten sowie die Privatisierung muss das Land laut den WTO-Unterlagen vorantreiben. Als Vorteil sehen die Russen, dass sie künftig mehr Stahl exportieren können. Der WTO-Beitritt werde auch die Zusammenarbeit der Schwellenstaaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika voranbringen, sagte Russlands Wirtschaftsministerin Elwira Nabiullin.

Die Weltbank erwartet durch Russlands WTO-Aufnahme etwa 3,3 Prozent Wachstum beim Bruttoinlandsprodukt für die nächsten Jahre. Russland soll künftig mehr von westlicher Hochtechnologie profitieren können, um die von Kremlchef Dmitri Medwedew immer wieder beschworene Modernisierung des Landes voranzubringen.