An die sandfarbenen Mauern des Lagers sind Plakate geklebt worden. "Merhba lir Rifugijati" und "Refugees Welcome" steht da auf Maltesisch und der Amtssprache Englisch. Zumindest lassen das die restlichen Fetzen an der Wand vermuten. Der Willkommensgruß hat jemandem nicht gepasst. Das Containerdorf von Hal-Far an der Südspitze von Malta wirkt so noch trostloser.

Ibrahim Cissé kommt gerade vom Einkaufen. Reis, Milch, eine Dose Corned Beef. Viel ist es nicht. Neben einem Mittagessen gibt es nur rund hundert Euro im Monat, die dem jungen Mann aus Mali reichen müssen - bei Preisen wie in Deutschland ein Ding der Unmöglichkeit. Besucher werden an der Pforte abgewiesen, doch der 18-Jährige erzählt anschaulich vom Innenleben der "Open Centre", wie Maltas Flüchtlingslager heißen: Er lebt mit sieben weiteren Männern in einem der Container. "Ich darf rausgehen ja, drinnen aber ist es wie ein Gefängnis", sagt Ibrahim: "Wir hausen dort wie die Tiere, ohne Privatsphäre oder heißes Wasser zum Waschen."

Der Name des kleinsten EU-Landes, wenige hundert Kilometer vor Afrikas Küste gelegen, bedeutet so viel wie Zufluchtsort. Das ist der Inselstaat auch lang gewesen. In den Jahren bis 2013 sind hier knapp 20000 Bootsflüchtlinge angekommen. Das klingt verglichen mit den aktuellen Zahlen auf dem Balkan bescheiden. Und doch hat das 420000-Einwohner-Eiland bis vor zwei Jahren pro Kopf die meisten Asylsuchenden überhaupt aufgenommen. "Die Regierung war damals überfordert", erzählt Neil Falzon, einst Leiter des UN-Flüchtlingshilfswerks auf Malta, "und reagierte mit extremer Härte." Aus dem Zufluchtsort wurde die Gefängnisinsel, die Festung - so wie die Hauptstadt Valletta mit ihren gewaltigen Stadtmauern ins Meer hinausragt.

Direkt hinter der Landebahn des Flughafens liegt die Militärkaserne von Safi. Halbrunde Wellblechbaracken, umringt von Stacheldraht. Bis auf einen Soldaten auf Patrouille ist niemand zu sehen. Sieben Bootsflüchtlinge halten die Behörden hier noch fest - weil in den ersten sechs Monaten des Jahres nur 90 Menschen angelandet sind. Würden es wieder mehr, wären auch die Zellen wieder voll, meinen Hilfsorganisationen - Maltas Gesetz sieht vor, dass ankommende Flüchtlinge automatisch bis zu 18 Monate in Haft genommen werden können, um in dieser Zeit ihre Identität zu klären. Die Vereinten Nationen nennen das "willkürlich und unvereinbar mit internationalem Recht", so UNHCR-Sprecher Fabrizio Ellul.

Schule, Aufenthaltsraum, großzügige Schlaf- und Esssäle, ein Sportplatz - einen Tag vor dem EU-Afrika-Gipfel hat Maltas Regierung Journalisten zur Besichtigung des "Open Centre" von Marsa eingeladen, direkt am Hafen von Valletta, verrostetes U-Boot inklusive. Im zweiten Stock soll es nun ein Aufnahmezentrum geben, in das neu gelandete Bootsflüchtlinge zuerst kämen, erzählt Alexander Tortell von der nationalen Asylbehörde AWAS: "Wir haben ein neues System eingeführt. Die Flüchtlinge kommen nicht mehr automatisch in Haft." Die Zweifel nach der halbstündigen Propagandaveranstaltung jedoch bleiben.

Zwei englische Wörter nämlich kennen alle Flüchtlinge auf Malta - "prison" und "shock". Alle sind sie schockiert, dass ihre Flucht in die Freiheit von Angst, Folter und Krieg erst einmal in der Unfreiheit geendet hat. Ibrahim Cissé, bei seiner Ankunft 16 Jahre alt, ist ebenfalls hinter Gitter gekommen - nach erfolgreichen Klagen von Menschenrechtsorganisationen vor dem zuständigen Gerichtshof in Straßburg gehört zumindest dieses Vorgehen gegen Minderjährige der Vergangenheit an.

Fünf Monate hat auch der somalische Journalist Ahmed Nuur Ibrahim "wie ein Tier im Käfig gelebt". Und das, nachdem er schon zuvor mehrfach eingesperrt wurde. Zwei Mal von Schleppern, die ihm den Tod androhten, sollte seine Familie nicht mehr Geld für die Schleuserdienste überweisen. Einmal von der Polizei in Tunesien, wohin Ahmeds Boot beim ersten Fluchtversuch übers Meer abgetrieben wurde. Nach Libyen abgeschoben nahmen ihn auch die dortigen Behörden in Haft, aus der er entkam. Im zweiten Anlauf gelang die Flucht, die begonnen hatte, weil Somalias Terrormiliz Al-Shabab ihn zur Mitarbeit zwingen wollte: Ausgestattet mit der Nummer der italienischen Küstenwache meldeten sich die 120 Männer, Frauen und Kinder an Bord ebendort - und erhielten die Auskunft, sich bitte bei den maltesischen Kollegen zu melden, die auch Ahmed schließlich aus dem Meer fischte. Das war am 28. August 2013.

Die Küstenwachen streiten nicht mehr. Inzwischen kommen alle Geretteten nach Italien. Irgendeine Abmachung gibt es zwischen den Regierungen in Rom und Valletta - welcher Art sie ist, darüber wird wild spekuliert. Hat Malta auf Bohrrechte in einem Gasfeld im Meer verzichtet, dass der Flüchtlingsstrom abebbt? Die sozialdemokratische Führung bestreitet das.

Pragmatisch sieht das die Unternehmerin Regina Catrambone, die ihr Büro in der Hafenstadt Sliema hat. Zusammen mit ihrem Mann hat sie die Organisation "Migrant Offshore Aid Station" gegründet, ein Schiff gekauft, damit allein dieses Jahr fast 12000 Menschen aus Seenot gerettet und in Italien an Land gebracht hat: "Für mich macht es keinen Unterschied, wohin die Bootsflüchtlinge bringen - Hauptsache sie überleben." Und sie äußert ein gewisses Verständnis für den Deal mit Italien: "Malta ist nun mal sehr klein und konnte einfach kaum mehr Menschen aufnehmen."

Umso wichtiger wäre, dass die, die schon da sind, anständig behandelt und integriert werden. Das aber passiert nur bedingt - die Regierung hat eine Integrationsagenda angekündigt, aber noch nicht vorgelegt. Der Europaabgeordnete Alfred Sant von der Regierungspartei hält sie auch gar nicht für notwendig: "Wenn die Zahlen sinken, integrieren sich die Menschen auf natürliche Weise." Aber wie, wenn nur die anerkannten Flüchtlinge arbeiten dürfen?

Auf dem Kirchplatz von Balzan, einige Kilometer westlich der Hauptstadt, prallen Maltester und Migranten aufeinander und bleiben sich doch fremd. Die Einheimischen gehen zum günstigen Mittagessen in den "Band Club", wie ihn fast jedes Städtchen hier hat. "Die Flüchtlinge tun mir schon leid, und es ist auch alles in Ordnung, solange genug Arbeit für alle da ist", meint der Mittfünfziger Victor, der den weißen Besucher wie selbstverständlich auf ein Bier einlädt, aber keine ähnliche Willkommensgeste für die schwarzen Mitbürger parat hat: "Die trinken ja keinen Alkohol, und es ist schon ein Problem, dass es so viele sind." Der Möbelschreiner ist nicht allein mit dieser Meinung. "Ich habe keinen Kontakt mit diesen Leuten", sagt eine junge Frau am Nebentisch, "Die sitzen immer nur auf unserem Kirchplatz herum."

Einer der Anonymen, der auf einer Bank im Schatten sitzt, ist John Roland aus Kamerun. Er stellt sich - wie zum Beweis, dass er als Mensch nicht viel zählt - gleich mit seiner Flüchtlingsnummer vor. "188EE" bietet ein Stück seines süßen Hefekringels an. Der 33-Jährige erzählt dann, wie er aus der Armee desertiert sei und bei Rückkehr mit der Todesstrafe zu rechnen habe. Er träumt davon, zu den paar hundert Flüchtlingen zu gehören, die die Vereinigten Staaten Malta abzunehmen bereit sind - und von einer neuen Karriere in der US Army. Zwischenzeitlich ist er in Balzan bei Ordensschwestern untergekommen.

Es ist vor allem an Kirchenleuten wie Monsignore Philip Calleja sich zu kümmern. Der 87-Jährige sitzt in seinem Büro mitten in Vallettas malerischer Altstadt zwischen Marienfiguren und Aktenstapeln. Rund 6000 Anträge bearbeitet die Migrantenkommission aktuell. Es wollen wahlweise Amtsgänge, Sprachkurse, muslimische Beerdigungen, Jobs oder Wohnungen organisiert werden.

Dem zweijährigen Sohn der somalischen Familie, die als nächstes an der Reihe ist, reicht er eine Kekspackung. Der Junge greift glücklich zu. Seit er eine drei Monate alte Schwester hat, reicht der Platz in der Familien-Unterkunft von Hal-Far nicht mehr. Der Vater fragt, ob es etwas Anderes für sie gebe - Calleja verspricht sich einzusetzen. Das will er auch für Frank Ussi aus Nigeria tun, dessen Frau offenbar in Stuttgart lebt. Der Monsignore soll helfen, dass die gemeinsame Tochter nachreisen darf.

Es geht noch einmal ins Industriegebiet von Hal-Far, wo die Unwillkommenen wie Frachtgut lagern, es aber auch Hoffnung gibt. Der Franziskaner Dionysius Mintoff hat seine Friedenswerkstatt in einem Bunker aus dem 2. Weltkrieg Flüchtlingen zur Verfügung gestellt hat. Auf dem Gelände, wo sich einst Roosevelt, Churchill und Molotow am Vorabend der Jalta-Konferenz trafen, wohnen nun 50 Afrikaner. Es gibt eine Schule, eine Bücherei, sogar eine kleine Moschee. Am Abend kommen die Bewohner mit dem Fahrrad aus der Stadt zurück, wo sie der von Mintoff und seinen 25 ehrenamtlichen Mitarbeitern vermittelten Arbeit nachgehen. Das "Peacelab" unterstützt auch den Journalisten Ahmed Nuur Ibrahim dabei, ein wöchentliches Radioprogramm in somalischer Sprache zu produzieren. Es gibt eine - viel zu lange - Warteliste derer, die in dieser Flüchtlingsoase wohnen wollen.

Der 86-jährige entschuldigt sich, dass die Zustände in den Lagern seines Landes oft "würdelos" sind und er nicht noch mehr tut. Es rührt an, dass der Mann, der so viel getan hat, den Flüchtlingen dankt: "Ich habe viel von ihnen gelernt - Respekt, Freude an kleinen Dingen und vor allem Geduld."

Die hat Ibrahin Cissé, einen Kilometer die Straße hinauf, längst verloren. Nach einem Jahr im Gefängnis, lebt er nun schon ein weiteres Jahr in Hal-Far. Am meisten stört ihn, dass nur unregelmäßig jemand vorbeikommt, um Englischstunden zu geben. "Ich will lernen, was aus meinem Leben machen", sagt der Malier, dessen Eltern starben, als die Terrortruppe Al-Qaida 2012 seine Heimatstadt Timbuktu eroberte. Flüchtlinge aus Mali haben aber kaum Chancen auf Asyl, seit internationale Truppen dort einen brüchigen Frieden sichern. "Ich sehe keine Lösung", sagt Ibrahim mit Tränen in den Augen, "ich habe Angst, dass ich ohne Schule dumm bleibe."