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Endlich nasse Füße im Hafen Großräschen

Blick vom Ilse-Kanal-Tunnel über den See nach Großräschen: Im Dezember bekommt man im Hafen erstmals nasse Füße. 2018 erreicht der See seinen Flutungsendstand.
Blick vom Ilse-Kanal-Tunnel über den See nach Großräschen: Im Dezember bekommt man im Hafen erstmals nasse Füße. 2018 erreicht der See seinen Flutungsendstand. FOTO: Radke/LMBV
Cottbus. Nach mehr als zehn Jahren erreicht das Flutungswasser das Hafenbecken. 2018 ist der See gefüllt. Doch die schiffbare Seenkette braucht noch Zeit. Christian Taubert

Am längsten hat es gedauert. Mehr als zehn Jahre seit Flutungsbeginn auf dem Grund des ausgekohlten Tagebaus Meuro. Im Dezember nun wird das Wasser auch im Hafen von Großräschen aufsteigen. Endlich, werden die Einheimischen sagen, bekommen wir hier nasse Füße. 2018 dann soll der Großräschener See seinen Flutungsendstand von 100 Metern über Normalnull erreicht haben.

"Endlich", sagt auch Bürgermeister Thomas Zenker (SPD). "Dabei sollten wir ursprünglich zu den Letzten gehören, deren See vollläuft. Aber der Zufall ist uns ein zweites Mal zu Hilfe gekommen." Was Zenker meint: Weil die Bergbausanierer der LMBV noch reichlich mit der Stabilisierung und Sicherung des nebenan liegenden Sedlitzer Sees zu tun haben, ist alles Wasser Richtung Großräschener See geleitet worden. "Unser Glück", freut sich der Bürgermeister.

Für den zweiten Zufall muss der Diplom-Geologe schon tief ins Nähkästchen greifen, um auf den Betriebsplan für den Tagebau Meuro zu verweisen. Danach sollte die Grube komplett verfüllt werden. "Unser Haussee wäre Greifenhain geworden", weiß Zenker. Doch all dies haben er und seine Großrä schener schon Mitte der 1990er-Jahre hinter sich gelassen.

Die Hafen-Idee haben sie schon 1995 geboren. Zwei Jahre später wurde für einen Sanierungsbagger eine notwendige Abstellfläche "erfunden", um den Hafen in die Böschung vor den Überresten der Bauten in Ilse-Architektur zu schneiden. Mit dem Senftenberger Stadtplaner Wolfgang Joswig ist die Idee einer Internationalen Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land (2000 bis 2010) entwickelt worden.

Ganz sicher liegt es an dieser Art Gründergeist, dass Großräschen wie kein anderer Ort im Lausitzer Seenland auf seinen See vorbereitet ist. Und das keineswegs nur, weil hier zehn Jahre lang das Herz der IBA schlug. Hiervon hat die gut 7000 Einwohner zählende Stadt zwar die IBA-Terrassen am See-Ufer geerbt. Aber, um nicht nur am Ortsschild "Stadt am See" zu sein, sind in kommunaler Regie die Victoria-Höhe mit der Allee der Steine, der Hafen mit Stegen und Liegeplätzen, eine exklusive Sporthalle, das Seehotel oder Gaststätten im Uferbereich entstanden.

"Dennoch wird 2018 ein Übergangsjahr", verweist der Bürgermeister auf die Übertragung des Sees vom Berg- in Landesrecht oder auf Arbeiten, die erst in dem gefüllten Gewässer erledigt werden können: Ein Schwimmbagger müsse Untiefen beseitigen. Zwei Meter Wassertiefe wird überall verlangt, um die Sicherheit der Nutzer zu gewährleisten. Dabei würden auch überflutete Bäume beseitigt. Wenn die Wassersportler auch schnell auf den See wollen, Zenker sieht 2019 als das erste touristische Jahr auf dem Wasser. Nach dem gegenwärtigen Flutungsplan der LMBV (siehe Grafik) bleibt das westliche Eingangstor ins Lausitzer Seenland ohnehin länger als vorgesehen von der schiffbaren Seenkette abgekoppelt. Der Ilse-Kanal, ein längst fertiger Tunnel unter der Bahnstrecke Cottbus-Senftenberg und unter der B 169, ist Richtung Sedlitzer See abgedichtet - damit das Wasser in Großräschen bleibt.

Bürgermeister Zenker spricht von einem Prognosezeitraum für die Freigabe des Nachbarsees Sedlitz von nach 2020. Damit könnte das Gewässer - entgegen dem bisherigen Zeitplan - jetzt das letzte der zehn schiffbar verbundenen Tagebauseen sein.

Vor dem Hintergrund des Erdrutsches am Concordiasee in Nachterstedt (Sachsen-Anhalt) im Jahre 2009 ist in der Braunkohlesanierung vieles auf den Prüfstand gekommen, Gesetze wurden geändert. Das wirkt sich auch in der Lausitz aus. "Die Sicherheit geht vor", setzt LMBV-Pressesprecher Uwe Steinhuber auf Verständnis.

Unterdessen hat der vor seiner Vollendung stehende Großräschener See für die Stadt eine neue Zeitrechnung eingeläutet. "Die Grundstimmung hat sich zum Positiven gewandelt", schätzt der Bürgermeister ein. Im Mittelstand sind rund 3000 Arbeitsplätze entstanden, nachdem es 1990 einen Strukturbruch gegeben hatte.

Die Stadt, so Zenker, verzeichnet einen Gewerbesteuerrekord. Es gibt Investoren-Anfragen. Dem lukrativen Wohngebiet "Alma" am See folgte jetzt "Ilse". Und auch für ein drittes Eigenheim-Baugebiet gibt es Bewerber. Kita und Schule platzen aus allen Nähten. Von Schulschließung drehte sich das Blatt auf Erweiterung, weil statt 160 nun 260 Schüler versorgt werden müssen. "Wir haben seit 27 Jahren erstmals wieder Bevölkerungsaufwuchs", verkündet der Seestadt-Bürgermeister.

Zum Thema:
- Seit Beginn der Fremdflutung im März 2007 sind dem Großrä schener See rund 118 Millionen Kubikmeter Wasser zugeführt worden. Bis zum unteren Endwasserstand von 100 Metern über dem Meeresspiegel fehlen noch rund 24 Millionen Kubikmeter Wasser.- Mit der Inbetriebnahme des Oberen Landgrabens als Teil der Neißewasserüberleitung im Mai 2017 ist eine weitere Voraussetzung für die Erreichung der Flutungsziele geschaffen worden.- des Weiteren steht im Bereich Tagebau Meuro mit der Flutung des Großräschener Sees die Wasserbehandlung im See im Fokus.- Zudem werden alle Maßnahmen für eine zeitnahe Anbindung des entstehenden 770 Hektar umfassenden Gewässers an das Lausitzer Seenland getroffen.