Mit dem absehbaren Ende des Braunkohleabbaus verliert die heute bestehende wirtschaftliche Struktur im Süden Brandenburgs auf lange Sicht eine entscheidende Grundlage. Mit dem Kohleausstieg muss nicht nur der Wegfall der unmittelbar in Tagebauen und Kraftwerken vorhandenen Arbeitsplätze und bei deren direkten Zulieferern einkalkuliert werden. Der Abzug Tausender Industriearbeitsplätze würde gleichzeitig einen immensen Kaufkraftverlust für die gesamte Region nach sich ziehen. Und so wächst auch bei Händlern und Dienstleistern aller Branchen und in vielen Handwerksbetrieben die Zukunftsangst.

Nun ist die Erkenntnis, dass die Lausitzer Wirtschaft einen strukturellen Wandel braucht, fast so alt wie das geeinte Deutschland. Als sich nämlich zum ersten Mal in den 1990er-Jahren offen massiver Widerstand gegen die Abbaggerung alter Dörfern und die mit Tagebauen verbundenen schweren Eingriffe in die Natur formierte, war das ein deutliches Zeichen für den Anfang vom Ende des Kohlezeitalters.

Seitdem hat sich der Prozess immer weiter beschleunigt. Wachsendes Umweltbewusstsein setzt Energieunternehmen unter Druck und veranlasst nicht nur die schwedische Regierung, ihren Staatskonzern Vattenfall aus dem Kohlegeschäft zurückzuziehen. Im Klartext spricht inzwischen auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) von der "Decarbonisierung" der deutschen Wirtschaft.

Schwadroniert wird über die nötigen wirtschaftlichen Veränderungen auch in der Lausitz seit Langem. Während sich Kohlelobby und -gegner seit zwei Jahrzehnten zermürbende Grabenkämpfe lieferten, wurden Dutzende Studien und Maßnahmepläne geschrieben, Ausstiegsszenarien erdacht und immer neue Zukunftsinitiativen gegründet.

Befriedigende Antworten aber auf die industriellen Zukunftsfragen der Lausitz geben sie alle im besten Falle nur in Teilbereichen. Der große Plan ist nicht in Sicht.

Diese Ausgangslage und die immer lauteren Hilferufe aus der Unternehmerschaft, die immer deutlicher nach Angstgeschrei klingen, sind es, die jetzt zur Gründung der Innovationsregion Lausitz GmbH führen. Die ersten Reaktionen der Skeptiker auf die Ankündigung sind verständlich: Noch eine Initiative, die alte Ideen aufwärmt und mit weiteren Studien Fördermittel akquirieren will, befürchten die Kritiker.

Das Geschäft kling tatsächlich lukrativ. Gerade hat die Bundesregierung angekündigt, insgesamt 16 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen, um den wirtschaftlichen Strukturwandel in allen deutschen Braunkohleregionen in den kommenden vier Jahren voranzutreiben.

"Es ist gerade die Vielzahl an unterschiedlichen Akteuren, die uns derzeit das Vorankommen auch erschwert", sagt Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD). "Ohne die Innovationsregion Lausitz bleibt alles so, wie es jetzt ist." Gerber verspricht sich von der neuen Gesellschaft einen "echten Schub" in Bezug auf die wirtschaftlichen Veränderungen in der Lausitz. "Die Innovationsregion muss der Kristallisationskern der notwendigen Veränderungen werden", hofft Gerber.

Ganz unbegründet klingt seine Hoffnung nicht. Zum ersten Mal nämlich ist es gelungen, die großen Akteure "in ein Boot zu holen". Jetzt kommt es darauf an, dass Industrie- und Handelskammer (IHK), Handwerkskammer (HWK), Wirtschaftsinitiative Lausitz (Wil), Unternehmerverbände Berlin Brandenburg (UVB) und die BTU Cottbus-Senftenberg auch noch gemeinsam in die gleiche Richtung "rudern".

Die fünf Organisationen sind die Gesellschafter der Innovationsregion Lausitz GmbH. Das Potsdamer Wirtschaftsministerium hat volle politische Rückendeckung und Unterstützung zugesichert. Dass das Land selbst als Gesellschafter nicht in Erscheinung tritt, hat den einfachen Grund, dass eine Förderung dann kompliziert würde, weil sich das Land selbst nicht finanziell fördern darf.

Unter sich bleiben wollen die Gesellschafter trotzdem nicht. Wolfgang Krüger, Hauptgeschäftsführer der IHK Cottbus, kündigte an: "Uns ist es wichtig, weitere Akteure einzubeziehen." Dabei meint er die Landkreise und die Stadt Cottbus, die sich in der Energieregion Lausitz zusammengeschlossen haben. Ebenso auch die Gewerkschaften, die Wirtschaftsförderer, den Bundesverband Mittelständische Wirtschaft (BVMW) und den Unternehmerverband Brandenburg-Berlin (UVBB). "Die Innovationsregion Lausitz soll für alle der Ansprechpartner sein", erklärt Krüger den großen Plan. Ob der am Ende aufgeht, hängt davon ab, welche Ziele sich die neue Gesellschaft setzt und wie sie die umsetzt.

Zum Thema:
Wirtschaftsminister Albrecht Gerber sagt, welche Perspektiven er für die Lausitz sieht. Im Internet: www.lr-online.de/videos Was ein QR-Code ist und wie er funktioniert, erfahren Sie unter www.lr-online.de/qrcode