Ivan I. Tverdovsky hat mit "Corrections Class" schon Preise unter anderem in Sotschi und Karlovy Vary gesammelt. Und machte in Cottbus weiter: Er bekam den Preis der Ökumenischen Jury, den Fipressci-Preis und schließlich den Hauptpreis. Sein Film handelt von der querschnittsgelähmten Lena, die neu in eine Spezialklasse mit Sonderschul-Unterricht kommt und dort erfahren muss, wie empfindlich-unstet das zwischenmenschliche Gefüge innerhalb dieser Gruppe Jugendlicher am Rande der Gesellschaft sein kann. Die Jury war vor allem beeindruckt von der unsentimentalen und unprätentiösen Herangehensweise an ein wichtiges soziales Thema durch ein hervorragendes Schauspielerensemble um Hauptdarstellerin Maria Poezhaeva.

Der Russe Alexander Kott hatte unter anderem 2002 mit seinem komödiantischen Film "Es fuhren zwei Fahrer" beim Festival in Cottbus Aufmerksamkeit erregt, aber "Der Test", für den diesem, Jahr mit dem Spezialpreis der Regie geehrt wurde, ist noch mal eine ganz andere Hausnummer. Wer dachte, dass der diesjährige Publikums-Liebling "Die Maisinsel" des Georgiers George Ovashvili schon den Dialog-Minusrekord aufgestellt hatte, lag falsch. "Der Test" in der kasachischen Steppe kommt vollständig ohne Worte aus - das ist Kino! Originell wie skurril, visuell überwältigend und poetisch, mit einem Ausgang, der einem den Mund offenstehen lässt.

Offene Münder gab es öfter in diesem starken Festival-Jahrgang. Schon der Eröffnungsfilm "Underdog" den Ungarn Kornél Mundruczó mit 250 Hunden als Hauptdarstellern sorgte für heiße Diskussionen. Gleiches galt für Wettbewerbsfilme wie "Hardkor Disko" des Polen Krzysztof Skonieczny, in dem ein junger Mann offenbar völlig unmotiviert mordet, oder die völlig schräge Geschichte "Freier Fall" von György Pálfi aus Ungarn, über die man noch lange rätseln kann.

Gleichermaßen beeindruckend war beispielsweise "Die Heilung" von Ivan Jovic aus Serbien, der die Nachwirkungen des Balkankrieges thematisiert: Kann man vergeben? Oder "Der Narr" des russischen Regisseurs Yury Bykow, der im vergangenen Jahr für "Der Major" den Spezialpreis für die beste Regie in Cottbus gewonnen hatte: Ein Mann kann nicht ehrlich sein, nicht Mensch sein, weil die Welt um ihn durch und durch korrupt ist. Nur wer mitmacht im unehrlichen Spiel, kann überleben. Bitterböse.

Natürlich durfte man auch durchatmen bei diesem Festival. "Die Ungehorsamen" von Mina Djukic aus Serbien sind einfach junge Leute, die ihren Spaß am Leben haben, sich aber noch finden müssen. Dieser zärtliche Film grenzte sich ab von den anderen Wettbewerbsbeiträgen, die oft von Gewalt geprägt waren.

Zärtlichkeit ist auch das Stichwort für Nana Djordjadzes Streifen "Meine Meerjungfrau, meine Lorelei" (Ukraine, Russland). Was für ein feiner, farbenfroher, lustvoller Abschlussfilm des Festivals, der da nach der Preisverleihung am Sonnabend in der Stadthalle zu sehen war!

Kommentar: Überwundene Grenzen