Der Empfang fiel protokollarisch eher kühl aus. Auf Wunsch der Gastgeberin wurde zur Begrüßung nur das kleine Format im sechsten Stock des Kanzleramts gewählt. Angela Merkel und Lech Kaczynski tauschten vor den Kameras in der Skylobby vor dem Panorama des Regierungsviertels wenig konkrete Freundlichkeiten aus. Möglicherweise unangenehmen Journalisten-Fragen ging man bei dem heiklen Treffen aus dem Weg. Eilig zogen sich Kanzlerin und Präsident zum Mittagessen zurück, um eine lange Liste von Streitpunkten abzuarbeiten.

Rabiate Wahlkampf-Töne
Für seine erste Deutschland-Visite überhaupt hatte sich der seit gut zwei Monaten amtierende national-konservative Staatschef aus Warschau auffällig viel Zeit gelassen. Statt zunächst in Berlin machte der 56-Jährige lieber vorher im Vatikan Station, dann in Washington, Kiew, Prag und Paris. Er kenne von Deutschland nur den Frankfurter Flughafen, hatte sich Kaczynski in seinem mit vielen deutsch-kritischen Tönen geführten Wahlkampf gerühmt.
Es gehört zumindest bislang zum festen Geschichts- und Weltbild des neuen Staatschefs sowie seines Zwillingsbruders Jaroslaw, der die bei den polnischen Parlamentswahlen siegreiche patriotische Partei Recht und Gerechtigkeit (Pis) leitet, mit einer großen Portion Misstrauen auf den Nachbarn im Westen zu blicken. Schon als Warschauer Oberbürgermeister hatte Lech Kaczynski den damaligen Kanzler Helmut Kohl in Rage gebracht, als er die Kriegsschäden der Stadt für den Fall berechnen ließ, dass deutsche Vertriebene materielle Ansprüche gegen Polen stellen sollten.
61 Jahre nach Kriegsende sei nun die Zeit gekommen, "gewisse Dinge" endgültig zwischen beiden Ländern abzuschließen, forderte Kaczynski gestern in Berlin. Kaczynski betonte, er hoffe, dass eine gemeinsame Lösung gefunden werde, "damit die Geschichte nicht die Gegenwart kaputt macht". Er freue sich, wenn niemand in Deutschland die Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg umdrehen wolle. Schon vor der Ankunft hatte der für seine oft undiplomatische Sprache bekannte frühere Jura-Professor klargemacht, was er darunter unter anderem versteht: Das in Berlin geplante "Zentrum gegen Vertreibungen" sei für die neue Führung in Warschau in keiner Form akzeptabel. Dies würde aus seiner Sicht auf jeden Fall zur "Relativierung" deutscher Schuld führen.
Und mit ebenso deutlichen Worten nahm sich Kaczynski auch die neue Bundesregierung wegen der Haltung zur deutsch-russischen Ostsee-Gaspipeline vor. In Berlin werde weiter nicht richtig verstanden, dass damit "vitale Interessen" seines Landes verletzt würden. Merkels bisherige Position dazu sei "unbefriedigend", ließ der Staatschef verlauten.

Europa-Skepsis in Warschau
Zusätzlich aufhorchen lassen derzeit auch betont euro-skeptische und nationale Töne aus der neuen Warschauer Führung. So sprach sich Kaczynski gegen die Bemühungen Deutschlands und anderer Länder in Europa aus, den europäischen Verfassungsvertrag wieder zu beleben und schon bald einen EU-Außenminister zu berufen.
Als Ziel deklariert wird in Warschau neuerdings der "Aufbau einer starken Republik, die in der internationalen Arena eine Position einnimmt, die einer großen europä ischen Nation würdig ist". In Berlin und anderen EU-Hauptstädten ist man noch etwas ratlos, ob es sich bei solchen starken Ankündigungen um rabiate Rhetorik aus Wahlkampfzeiten oder um einen dauerhaften politischen Kurswechsel handelt.
Von Kaczynski wurde zumindest etwas mehr Klarheit darüber erwartet, ob Polen als größter Nettoempfänger in der EU auch unter der neuen Führung allmählich wieder zu einem pragmatischeren Kurs zurückkehren will.