Es war sicher einer der seltsamsten Einsätze, zu dem die Feuerwehr in Senftenberg mitten in einer Mainacht gerufen wurde. Eine junge Frau hatte den Löschtrupp alarmiert, weil der Dachstuhl ihres Hauses brenne. Vor Ort konnten die Feuerwehrmänner jedoch keinen Brand feststellen. Die junge Frau und ihre drei kleinen Kinder fanden sie in einer nahegelegenen Bushaltestelle. Das angebliche Feuer war offensichtlich nur eine Wahnvorstellung der Frau, die Crystal konsumiert hatte.

Seit einigen Jahren gibt es vielfältige Indizien dafür, dass sich die synthetische Aufputschdroge in der Region immer stärker ausbreitet. Und Konsumenten der gefährlichen endlos munter und aktiv machenden Kristalle lassen davon offenbar auch dann nicht unbedingt, wenn sie Eltern werden. Eine Entwicklung, die Jugendämter und Mediziner im Süden Brandenburgs und in Sachsen mit Sorge beobachten.

Eine nach Suchtmitteln aufgeschlüsselte Statistik über die Zahl der jungen Eltern in der Region, die drogenabhängig sind, gibt es nicht. Doch die Beobachtungen in den Fachabteilungen der Landkreise belegen ein wachsendes Problem.

Jede vierte Meldung an das Jugendamt im Oberspreewald-Lausitz-Kreis über Familienkonflikte hänge inzwischen mit Crystal-Konsum zusammen, bestätigt Alexander Erbert, Dezernent für Jugend, Soziales und Gesundheit. Im vorigen Jahr betraf das 50 Fälle, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. "Das sind alles Hinweise auf eine Kindeswohlgefährdung", so Erbert.

Auch in der Suchtberatung der Landkreise nimmt Crystal einen immer größeren Raum ein. 2009 betrafen nur 21 von 267 Beratungsfällen das synthetische Aufputschpulver. Im vorigen Jahr war jeder Dritte von insgesamt rund 500 Ratsuchenden Crystal-Konsument. Deren Gesamtzahl wird allein für Südbrandenburg auf etwa 10 000 geschätzt.

Der Unterschied zu Alkoholabhängigen oder Konsumenten anderer illegaler Substanzen sei, so Erbert, dass die Einnahme von Crystal oft geleugnet werde und nach außen verborgen bliebe. Crystal-Eltern setzten jedoch auf eine für ihre Kinder gefährliche Art falsche Prioritäten: "Die Beschaffung der nächsten Dosis rangiert da vor den Bedürfnissen des Kindes."

Auf sehr drastische Art machte das ein Fall deutlich, der vor wenigen Tagen am Amtsgericht Senftenberg verhandelt wurde. Eine 25-Jährige mit einem wenige Monate alten Baby wurde dort zu einer Haftstrafe ohne Bewährung verurteilt, weil sie zur Finanzierung ihres Crystal-Bedarfs immer wieder Ladendiebstähle beging.

Hinweise, dass Mütter mit Crystal-Konsum entbunden haben, bekommen Jugendämter gelegentlich von den Krankenhäusern, wo die Kinder zur Welt kommen. Doch nicht alle fallen da auf. "Wenn die unkompliziert entbinden, sind die in wenigen Tagen wieder weg", so Andrzej Popiela, Chefarzt der Gynäkologie im Carl-Thiem-Klinikum Cottbus.

Für Schwangere und ihre Babys sei das Rauschgift jedoch sehr gefährlich. Die Kinder seien meist kleiner als andere, wenn sie zur Welt kommen, die Gefahr einer Frühgeburt sei erhöht, es könne Blutdruckprobleme geben."Das sind alles Risikoschwangerschaften", fasst Popiela die Risiken zusammen.

Seine Kollegin Petra Bießlich, Chefärztin der Gynäkologie in den Oberlausitz-Kliniken Bautzen, geht ebenfalls davon aus, dass nicht jede Entbindende mit Crystal-Abhängigkeit auffällt. Meist seien es Hebammen, die die Frauen vor der Entbindung betreut haben, die auf so ein Problem aufmerksam machten. Wenn es nur einen Verdacht gebe, seien den Ärzten aber die Hände gebunden, so Bießlich: "Ohne Einwilligung der Frau dürfen wir keinen Drogentest vornehmen."

Hinweise von Krankenhäusern über die Entbindung einer Frau mit Crystal-Vergangenheit sind ein wichtiger Auslöser für die Arbeit des allgemeinen sozialen Dienstes im Landkreis Bautzen. "Wir besuchen die Frauen dann noch in der Klinik, um Kontakt aufzunehmen", so Teamleiterin Anne Riemer. "Die Mütter sind anfangs meist aufgeschlossen für unsere Hilfeangebote, das kann aber auch schnell kippen."

Gemeinsam werde ein Plan erstellt, wie eine Gefährdung des Kindes verhindert werden kann. Die Mutter müsse bereit sein, sich unregelmäßig auf Drogen testen zu lassen, muss erreichbar sein. Wird ein Test verweigert, könne das dazu führen, dass das Kind erst mal vom Jugendamt in Obhut genommen würde.

"Wenn wir das Familiengericht einschalten, das ist für die Mütter oft ein Wendepunkt", so Anne Riemer. Ziel der Betreuung durch das Jugendamt sei ganz klar die Abkehr der jungen Eltern von den Drogen. Denn die mit dem Crystal-Konsum zusammenhängenden finanziellen Probleme, der künstliche Schlafentzug, alles das schaffe einen Teufelskreis. Durch Crystal sei die Arbeit ihres Teams komplexer geworden, sagt Anne Riemer: "Diese Familien brauchen eine ganz intensive Betreuung."

Auch nach Einschätzung des Sozialdezernenten des Oberspreewald-Lausitz-Kreises, Alexander Erbert, müssen zunehmend Polizei und Familiengerichte herangezogen werden, um einen Crystal-Test bei jungen Müttern mit Verdacht auf eine Abhängigkeit durchzusetzen. "Wenn es Alleinerziehende sind, müssen wir die Kinder fast immer erst mal aus den Familien nehmen", sagt Erbert.

Die Einsicht, dass Drogenkonsum und Elternschaft nicht zusammenpassen, sei bei Crystal-Konsumenten leider deutlich geringer als bei anderen Suchtproblemen. "Das ist für die Jugendämter eine Herausforderung mit sehr schwierigen Situationen", fasst der Dezernent zusammen. Er befürchtet genau so wie Anne Riemer in Bautzen, dass die Zahl von crystalabhängigen jungen Eltern noch zunehmen werde. Auch deshalb soll die Prävention im Landkreis ausgebaut werden. Zwei neue Mitarbeiter in der Suchtberatung, die sich nur mit Crystal Meth beschäftigen, hält er für nötig. Das größte Suchtproblem sei das synthetische Rauschmittel jedoch noch lange nicht: "Volksdroge Nummer eins ist noch immer der Alkohol."