In Polen ist der Elchbestand auf über 7000 Tiere angewachsen, von denen ein Teil zur Jagd freigegeben wird. Die majestätischen Großhirsche fliehen daher vor den Jägern nach Westen und finden in Brandenburg Asyl: Vor allem im größten zusammenhängenden Waldgebiet Deutschlands, der Schorfheide nördlich von Berlin, sind die vierbeinigen Migranten mit den Schaufelgeweihen gesichtet worden.

Schon bis kurz vor Berlin
Erst vor Kurzem tauchte ein Elchbulle auch im Nationalpark Unteres Odertal auf, der sich im Norden Brandenburgs entlang der Oder an die Grenze zu Polen schmiegt. "Wir hatten einen jungen Elchbullen, der zweimal gesehen wurde", freut sich Nationalparkchef Dirk Treichel. "Wahrscheinlich hat er inzwischen den Weg nach Süden eingeschlagen." Die Tiere haben sich bereits bis kurz vor die Berliner Stadtgrenze gewagt. Potsdamer Polizisten traten laut Greenpeace vor einigen Jahren voll auf die Bremse, als ein Elch im Morgengrauen in einem Vorort plötzlich vor dem Streifenwagen aus dem Wald brach und danach gemütlich wieder im Forst verschwand.
Die meist jungen Elche tauchen an der deutschen Ostgrenze regelmäßig im September auf. Vor der Paarungszeit erwacht bei ihnen der Wandertrieb. Überraschend ist, dass die Tiere auf uralten Wegen wandern, über die ihre Elchvorfahren zuletzt vor mehreren hundert Jahren getrabt sind. Ursprünglich waren die Tiere in der norddeutschen Tiefebene beheimatet, die einst aus großen Moor- und Waldgebieten bestand - dem bevorzugten Lebensraum der Großhirsche. Im Mittelalter wurden die Elche jedoch bei uns ausgerottet und sind seither auch nicht wieder heimisch geworden.
Das könnte sich in einigen Jahren völlig ändern. In Brandenburg ziehen sich die Bauern aus immer mehr Gebieten mit der landwirtschaftlichen Nutzung von Feldern und Wiesen zurück. Ein im Auftrag des Landtages verfasstes Expertenpapier rät gar dazu, die seit dem Mauerfall rasant fortschreitende Entvölkerung bestimmter Randgebiete aktiv zu steuern. Wegzugsprämien sollen gezahlt werden, damit dauerhaft nicht existenzfähige Dörfer aufgegeben werden können und an ihrer Stelle wieder Wiesen, Wälder und Moor entstehen.
"Die aktive Ansiedlung von Elchen ist indes nicht das Ziel", sagt Treichel, "wenn, dann kommen sie auf natürlichem Wege und bleiben." In Westpolen, nicht weit von der deutschen Grenze, hat das bereits geklappt. Dort haben sich Elchrudel dauerhaft angesiedelt. Und auch in Brandenburg gibt es seit etwa drei Jahren ein sehr kleines Elchrudel. Naturschützer und Jäger machen ein großes Geheimnis daraus, um die Tiere vor Neugierigen zu schützen: Erstmals vielleicht seit Jahrhunderten ist nun in Brandenburg ein Elchkalb geboren worden.
Die erste Sichtung eines Elches in der ostdeutschen Region geht auf das Jahr 1956 zurück. Schätzungen gehen davon aus, dass seither über die Jahre hinweg etwa 100 Tiere durch Brandenburg gezogen sind. Selten blieben sie dennoch. "In der DDR wurden sie abgeschossen", sagt Elchexperte Dietrich Dolch vom Naturschutzbund Nabu. "Einige wurden gewildert, andere starben bei Zusammenstößen mit Autos." Dolch sieht in der Rückkehr von Elch, Wolf, Adler und anderen bedrohten Tierarten ein untrügliches Zeichen dafür, dass sich die Umweltbedingungen seit dem Zusammenbruch der DDR-Industrie grundlegend verbessern und sich die geschundene Natur erholt.

Hunderttausende auf der Jagd
Weil der Elch Moore und feuchte Laubwälder liebt, Brandenburg inzwischen aber vor allem trockenen Sandboden und Kiefernplantagen zu bieten hat, glaubt Dolch weiterhin an nur gelegentliche Besuche der unsteten großen Geweihträger. Anders als in Schweden, wo im November traditionell Hunderttausende Elchjäger durch die weiten Wälder pirschen, gilt in Deutschland daher auch weiterhin ein generelles Jagdverbot.