Die Hochwasserlage wird vor allem von der bangen Frage beherrscht: Halten die Deiche? „Der Druck auf die Deiche ist enorm, deshalb bleibt die Lage hoch angespannt“, so Genehr. „Wir führen einen Ritt auf der Rasierklinge“, meinte Wolfgang Brandt vom Koordinierungszentrum Krisenmanagement im Innenministerium.

Bei der Jahrhundertflut 2002 stieg der Fluss in Mühlberg auf 9,98 Meter. Damals schützte das „Wunder von Mühlberg“ die Einwohner vor der Flut. Auch diesmal stemmen sich Hunderte Helfer gegen die Wassermassen: Die alten Abschnitte wurden mit Sandsäcken auf 10,30 Meter erhöht. Die neuen Bereiche wurden elf Meter hoch gebaut. Sickerstellen an einigen Deichböschungen werden abgedichtet. Nach Einschätzung der Behörden wird der Wasserstand mindestens vier Tage auf dem hohen Niveau verharren.

Experten bewerten die Lage als sehr kritisch, denn die Deiche sind stellenweise marode oder durchweicht wie ein Schwamm. Die meisten der 2100 Einwohner, die die Stadt freiwillig verlassen sollten, sind bislang geblieben. Die Evakuierung der Stadt komme nur schleppend voran, sagte Polizeisprecherin Ines Filohn. Vielen Einwohnern sei die Gefahr, die im Falle eines Deichbruches auf sie zukäme, immer noch nicht bewusst. „Das Wetter ist schön, die Sonne scheint - da verdrängen etliche Bewohner die Gedanken an eine Katastrophe“, sagte die Polizeisprecherin. Innenminister Dietmar Woidke (SPD) hat bisher eine Zwangsevakuierung abgelehnt. Er wurde am Freitag erneut in der Stadt erwartet.

Auch entlang der Schwarzen Elster und in der Prignitz steigt die Nervosität. Zwar haben sich die Pegelstände mit leicht sinkender Tendenz stabilisiert. Aber auch dort sind die Dämme durchnässt und Helfer müssen permanent Sickerstellen bekämpfen. Ein gebrochener Deich bei Herzberg konnte durch Sandsäcke geschlossen worden. Je Quadratmeter drücken nach Angaben der Experten sechs Tonnen Gewicht gegen die Deiche. Der Krisenstab befürchtet, dass das Wasser an einzelnen schwachen Stellen durchkommt.

Auch an der Elbe im Landkreis Prignitz steigt das Wasser, am Freitag (10.00) zeigte der Pegel Wittenberge 6,02 Meter. „Wir erwarten an unserem Elbabschnitt am Montag einen ersten Hochwasserscheitel von bis zu 7,45 Meter“, sagte Landrat Hans Lange (CDU). Die Deiche in der Prignitz sind bis zu einem Wasserstand von 7,45 Meter plus einen Meter Reserve ausgelegt. 2002 bei der Jahrhundertflut wurde am Pegel Wittenberge ein Spitzenwert von 7,34 Meter erreicht. Seit Mittwoch gilt Katastrophenalarm.

Die Hochwasserlage der Spree entspannt sich leicht. Am Pegel Spremberg (Spree-Neiße) wurde der Richtwert der höchsten Alarmstufe A 4 unterschritten, wie das Landesumweltamt mitteilte. Ein Teil des Spreewaldes wird wegen des steigenden Hochwassers von diesem Samstag an für Boote gesperrt, die Pegelstände von Spree und Dahme bewegen sich zwischen den Stufen 1 und 2. In Cottbus sind die Fußgängerbrücken über die Spree gesperrt worden, weil sie rasend schnell durch die Stadt fließt.

Auch im Havelland wird die Situation zunehmend ernster. Dort sind die Wehre wegen des Elbhochwassers geschlossen worden. Dadurch kommt es zum Rückstau in der Havel, in Havelberg gilt die niedrigste Hochwasserstufe 1. In den nächsten Tagen entscheidet sich, ob sechs Polderflächen in der Region geflutet werden müssen. Die Landwirte haben vorsorglich ihr Vieh in Sicherheit gebracht.