„Schauen Sie sich die
Arbeitslosenquote an. Die Leute sind frustriert.“
 Pfarrer Stefan Branig


„Wir werden es wieder machen.“ Stefan Branig spricht diesen Satz aus, wie es sonst nur sturköpfige Teenager tun. Der 44-Jährige ahnt, dass er auch beim nächsten Mal kaum Erfolg haben wird. Doch er fühlt sich im Recht. Branig ist kein Querulant, sondern Pfarrer der Gemeinde Tröbitz. Er taugt nicht unbedingt zum Don Quichotte, hat nicht einmal Spitzbart und Lanze. Dafür aber ein großes Herz.
Seit gut einem Jahr hatte sich Stefan Branig für den 34-jährigen Gazi Filiz, seine Frau Halime (25) und die drei in Deutschland geborenen Kinder Süleyman (6), Bucra (3) und Zeynep (2) eingesetzt. Im Frühjahr 2003 erfuhr er, dass im 25 Kilometer entfernten Hohenleipisch die fünfköpfige Familie abgeschoben werden soll. In die Osttürkei, wo den Kurden ob ihrer unerlaubten Heirat die Steinigung drohte. „Blutschande“ haben die Filiz’ in den Augen der Familie von Halime begangen. In einigen türkischen Regionen noch immer gleichzusetzen mit dem Todesurteil.
Branig entschied aus Bauch und Herz heraus. Dort sitzt bei ihm der tiefe Glaube, er vertraut auf die Bibel. Das Gebot der Nächstenliebe steht für den 44-Jährigen an erster Stelle. Auf des Pfarrers Betreiben hin gewährte der Gemeindekirchenrat den Kurden kurzfristig Kirchenasyl. Mutig, denn im deutschen Recht gibt es dieses Asyl nicht – strafrechtliche Konsequenzen drohten. Bibel gegen Rechtsstaat, eine Zwickmühle für den Christen Branig. Die Evangelische Kirche hilft ihren Pfarrern mit einem Handzettel aus dem Dilemma. Darauf beschreibt sie das Asyl als Auszeit, „um bei den Behörden eine rechtlich und humanitär vertretbare Lösung zu erwirken“ .

Tröbitz besonders sensibilisiert
Stefan Branig will sein Einmischen erklären, sucht Begründungen. „Vielleicht sind wir in Tröbitz besonders sensibilisiert“ , sagt er mit gesenktem Blick. Der Pfarrer meint den „verlorenen Zug“ , der am 22. April 1945 mit 2500 jüdischen Häftlingen in Tröbitz landete, von den Russen befreit wurde. Zuvor war der Transport zwischen den Fronten hin und her geirrt. Ursprünglicher Zielbahnof: Theresienstadt. Nur wenige überstanden die zehntägige Odyssee.
Nicht alle im Dorf scheinen diese Vorgänge so verinnerlicht zu haben wie der Pfarrer. Die Resonanz sei „deutlich negativ“ gewesen, erzählt Branig. „Jetzt helfen die den Türkenschweinen“ , gibt er eine ihm zu Ohren gekommene Äußerung wieder. Der Christ will es den Menschen nicht verdenken: „Schauen Sie sich die Arbeitslosenquote an“ , meint er resigniert. „Die Leute sind frustriert, müssen selbst sehen, wo sie bleiben.“
Mittlerweile hat sich der Pfarrer in die Masse der Frustrierten eingereiht. Nicht die wirtschaftliche Lage, sondern die Niederlage im ungleichen Kampf gegen die Behörden lässt ihn verzweifeln. Die Enttäuschung sitzt tief. Auch wenn es Branig nicht ausspricht, die hilflos zuckenden Schultern verraten ihn.
Am 10. April 2003 hatten Gerichtsbeamte mit Unterstützung von Polizei und Jugendamt die Familie aus dem Tröbitzer Kirchenasyl geholt. Gazi und Halime waren von ihren Kindern getrennt worden. Die drei landeten verstört in einem Fürstenwalder Heim. Es gab heftigen öffentlichen Protest, Elbe-Elster-Landrat Klaus Richter (SPD) schaltete sich ein. Bereits am Abend saß die Familie wieder vereint an einem Tisch im Hohenleipischer Asylbewerberheim.
Ein Gutachten sollte nun nochmals klären, ob der Gesundheitszustand der Familie eine Ausweisung in die Türkei überhaupt zulässt. „Das war unser letzter Strohhalm“ , erinnert sich Klaus Richter heute. Ein „Strohhalm, der richtig Geld kostete“ , fügt er hinzu. Der Landrat hat das dringende Bedürfnis, sich zu rechtfertigen. Vor ihm liegt ein Brief – Absender anonym. Darin wird Richter gelobt, „die Abschiebung dieser Türken als eine stabsmäßig organisierte Meisterleistung“ bezeichnet, durch die „alle Quertreiber überrumpelt wurden.“ Der Landrat schüttelt den Kopf, diesen Bierkeller-Strategen wollte er nicht in die Hände spielen. Aber er hatte keine Wahl.
Schnell wurde deutlich, dass sich der Filiz-Fall speziell für den Landrat zur Filiz-Falle entwickelte. Dessen Amtskollege Dieter Friese (SPD) formulierte bei einer Abschiebung in seinem Spree-Neiße-Kreis: „Ich wähle zwischen Staatsanwalt und Menschenwürde.“ Klaus Richter ging es so: Einerseits musste er den Entscheidungen der Gerichte folgen, andererseits raubte ihm der Gedanke an die Abschiebung den Schlaf. „Besonders wegen der Kinder habe ich mich gesorgt“ , sagt Richter.
Die Wahl zwischen Recht und Moral, wer sollte bei dieser Entscheidung helfen„ Eine Härtefallkommission“ Landrat Richter sagt Ja, die würde ihn entlasten. Doch Ordnungsdezernent Erhard Haase, in seinem Ressort werden Ausländerfragen geklärt, widerspricht. Er will eine konkrete gesetzliche Regelung. „Egal wie“ , sagt er. Aber die Zuwanderung müsse endlich ordentlich geklärt werden.
Seit der theaterreifen Bundesrat-Debatte im März 2002, als Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) wütend auf den Tisch trommelte, liegt die Sache jedoch auf Eis. Ausgerechnet Brandenburg hatte in Person von Manfred Stolpe (SPD) und Jörg Schönbohm (CDU) das unentschiedene Zünglein an der Waage gespielt. Das Bundesverfassungsgericht verkündete daraufhin, das Zuwanderungsgesetz sei „verfassungswidrig zu Stande gekommen“ . Noch immer fehlt eine rechtmäßige Regelung. Längst ist bekannt, dass Deutschland die Zuwanderung braucht, um wirtschaftlich mithalten zu können. Warum werden dann junge Familien wie die Filiz’ ausgewiesen„
Antworten darauf gab es nicht, stattdessen avancierte der Fall im Elbe-Elster-Kreis zum Spielball der Instanzen. Für seine im April 2003 ausgesprochene Duldung bekam Klaus Richter einen Rüffel aus dem Innenministerium. Durch seinen Sprecher ließ Innenminister Jörg Schönbohm die Verantwortung für die Elbe-Elster-Entscheidung von sich weisen. Dass der Christdemokrat damals mit Blick auf die Kommunalwahlen parteipolitisch taktierte, will SPD-Mann Richter heute nicht ausschließen.
Der Landrat blättert sichtlich mitgenommen in einem dicken Aktenordner. Der Filiz-Fall war ein außerordentlicher Rechtsfall. Seit 1997 sollte die Familie abgeschoben werden. Immer wieder wurde Halime schwanger. Erst griff der Mutterschutz, danach stellte sie für das neugeborene Kind ein Asylantrag. Wieder ein Verfahren, das dauerte. So mancher im Elbe-Elster-Kreis glaubt, dass die Familie so versuchte, Zeit zu schinden – offen aussprechen will das niemand.
Überhaupt ist es schwer, in dieser Geschichte Opfer und Täter auszumachen. Wieso haben die Filiz’ erst um politisches Asyl gebeten, als sie 1997 aufgegriffen wurden“ Schließlich waren sie schon seit 1996 illegal in Deutschland. War er verzweifelt oder skupellos, als Gazi Filiz drohte, im Fall des Falles werde er seinen Kindern etwas antun, sie gar anzünden? Hartnäckig halten sich auch Gerüchte, Gazi sei in den Schwarzhandel mit den Gutscheinen für die Asylbewerber verwickelt gewesen – nicht einfach für seine Mitmenschen, ihn nur als Opfer zu betrachten.
„Wenn die Leute sehen, wie die Ausländer bei uns kistenweise Schnaps auf ihre Gutscheine kaufen, dann wissen die, dass da was nicht rechtens ist“ , ist sich ein Elsterwerdaer Geschäftsmann sicher. Aber das seien wenige, nicht alle Ausländer seien Verbrecher, weiß er zu berichten. „Sie wissen ja, wie die Stimmung bei den Menschen ist“ , fügt er viel sagend hinzu. Offiziell wolle er aber nichts sagen. Der Mann steht für jene, die lieber schweigen statt anzuecken.

Angst vor Missverständnissen
Auch Martina Funke will nicht missverstanden werden. Sie ist stellvertretende Leiterin des Asylbewerberheims Hohenleipisch, der zeitweisen Heimat der Filiz’. Fast reflexartig betont die blonde Frau: „Das soll jetzt nicht rassistisch oder so klingen.“ Aber: „Bei den Asylbewerbern gibt es genauso Idioten, wie bei uns Deutschen“ , sagt sie. Martina Funke bleibt sachlich, obwohl sie ganz schön sauer sein könnte. Sie hat einiges erlebt: Als „Nazi“ haben sie Asylbewerber beschimpft, als „Arschloch“ tituliert. Ausgerechnet sie, die Heimbewohnern bei Rechtsangelegenheiten hilft, für sie Briefe beantwortet. „Der meisten Bewohner sind aber liebe Menschen, mit denen wir keine Probleme haben“ , fügt sie an.
Die 45-Jährige zeigt die Asylbewerber-Baracken auf dem ehemaligen Militärareal. Rechts das asiatische Haus, davor das afrikanische. Schmucklos, aber stabil. Für manche ein Zuhause für mehrere Jahre. Ihr Gefühl sagt Martina Funke: „Wer hier freiwillig lebt, in dessen Heimat muss es fürchterlich sein.“ Sie hat Mitleid mit Halime und ihren Kinder, denkt oft an sie. „Es war allerdings eine rechtlich saubere Sache“ , betont sie.
Rechtlich sauber und für manch einen im Kreis längst überfällig. Mit den Ausländern sei es immer dasselbe, meint zum Beispiel Klaus in Elsterwerda. Die kämen nach Deutschland, um mit großen schwarzen Augen die Hand aufzuhalten. Der Mittvierziger steht vor der Tür des Bahnhofsgebäudes, nickt wissend mit dem Kopf und zieht mechanisch an einer Zigarette. Seinen Nachnamen will er partout nicht sagen, dafür aber noch etwas „zu den Ausländern“ : „Anderswo hätte man die sofort rausgeschmissen“ , so sein argumentativer Keulenschlag.
Klaus hat von der aufwändigen Filiz-Abschiebung gehört. Von ihm könnten „die Türken“ kein Mitleid erwarten. „Ich würde auch gern mal für 50 000 Euro in die Türkei fliegen“ , sagt der Arbeitslose. Diese Summe hat er sich gemerkt, weiß, dass er damit am Stammtisch punkten kann. Gelangweilt schnippt der Elsterwerdaer die Zigarette weg. „Wir haben selbst genug Probleme.“ Ende der Durchsage. Klaus wendet sich ab, will zurück in die Bahnhofskneipe. Der Fall Filiz ist für ihn erledigt.
„Dumpfbacken“ nennt Thomas Meißner solche Menschen. Meißner ist Pfarrer der evangelischen Gemeinde Bad Liebenwerda und hat seinen Tröbitzer Freund Stefan Branig bei der Filiz-Sache unterstützt. Für ihn ist sie noch längst nicht erledigt. Er redet sich den Frust von der Seele. Besonders die geheim gehaltene Abschiebung mit Polizeiaufgebot am 20. Januar macht ihn noch immer wütend. „Das war unmenschlich“ , sagt der 39-Jährige. „Die wurden wie Schwerverbrecher behandelt.“
Vater Gazi wurde von der Familie getrennt, „die Filiz’ auf einer Irrfahrt“ zum Charterflug nach Bremen geschafft. Meißner und Branig fuhren hinterher – ein hoffnungsloser Rettungsversuch. Die beiden Pfarrer fühlen sich hintergangen, hatte ihnen der Landkreis doch zugesichert, vor der Abschiebung seelsorgerisch mit der Familie sprechen zu können. „Wir hätten sie dann wieder ins Kirchenasyl genommen“ , gibt Meißner unumwunden zu. Die Blitzaktion der Behörden durchkreuzte ihre Pläne.

Zurück bleibt Ratlosigkeit
Landrat Richter und Ordnungsdezernent Haase verteidigen die Abschiebeaktion. Sie rechtfertigen den Aufwand damit, die Kinder vor dem Vater zu schützen. Mittlerweile sind die Filiz’ in der Türkei bei der Familie von Gazi untergekommen. Per Handy hat Stefan Branig davon erfahren. „Ob es ihnen aber wirklich gut geht, kann ich nicht sagen“ , fügt er an. Zu weit weg ist die Türkei, die Hilflosigkeit hat eine neue Dimension angenommen.
Zurück in Deutschland bleibt enttäuschte Ratlosigkeit.
Bei Martina Funke im Asylbewerberheim, die nicht einmal beim Kofferpacken helfen konnte.
Bei Landrat Richter, der noch immer angestrengt in seinen Akten wühlt, wohl auch, um sein eigenes Gewissen zu beruhigen.
Und bei den Pfarrern Branig und Meißner, die sich von verschiedenen Seiten vorwerfen lassen müssen, der kurdischen Familie falsche Hoffnungen gemacht zu haben. Sie bestehen trotzig darauf: „Wir betrachten immer den Einzelfall – und wir werden es wieder tun.“