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| 01:04 Uhr

Elb-Orte hoffen auf Urlauber

Während zurzeit zahlreiche deutsche Flüsse Niedrigwasser führen, kämpften vor einem Jahr die Menschen an Elbe, Mulde und anderen Flüssen gegen die Hochwasserfluten. Zum Jahrestag haben sich auch zahlreiche prominente Politiker angesagt. Den Menschen in den betroffenen Gebieten ist solch „Tourismus“ aber gar nicht immer recht. Von Gudrun Janicke

"Wir brauchen keinen Hochwasserbonus. Einmal muss Schluss sein." Rathens Bürgermeister Thomas Richter mag nicht mehr darüber reden, wie es vor einem Jahr in dem Kurort in der Sächsischen Schweiz aussah. "Diese Erinnerungen werde ich nie wieder los", sagt er. "Aber es sind meine. Damit will ich niemanden belasten."
Die von der Elbe durchzogene Sächsische Schweiz, seit dem 19. Jahrhundert beliebtes Ausflugs- und Erholungsziel, wurde vom Hochwasser schwer getroffen. Ein Schaden von 650 Millionen Euro entstand. Heute herrscht in der Idylle des Elbsandsteingebirges mit dunklen Schluchten und malerischen Felsen wieder fast Normalität.
"Die meisten touristischen Einrichtungen waren von der Flut nicht betroffen", stellt Klaus Brähmig, Vorsitzender des Tourismusverbandes Sächsische Schweiz, klar. In den Köpfen habe sich jedoch ein Horrorbild festgesetzt, das so nie stimmte. "Natürlich waren Städte teilweise überflutet, aber nicht die gesamte Sächsische Schweiz. Das normale Leben ist wieder da", sagt Brähmig. "An die Gästezahlen vor dem Hochwasser konnten wir aber noch nicht wieder anknüpfen." Das liege auch daran, dass heute jeder Cent dreimal umgedreht werde.
In Rathen freut sich Bürgermeister Richter über jedes Schild "Zimmer belegt" an Pensionen oder Hotels. "Es könnten aber mehr sein", meint er. Rathen, mit 500 Einwohnern eine der kleinsten Gemeinden Deutschlands, wird von der Elbe geteilt. "Mehr muss ich zum Thema Hochwasser nicht sagen."
In dem Ort zu Füßen des weltberühmten Felsmassivs der Bastei sind optisch die Wunden verheilt: Es gibt Vorstellungen auf der Felsenbühne Rathen, Restaurants sind offen, Ausflüge und Wanderungen in die herrliche Umgebung locken. Rathen, seit der Wende ein autofreier Ort, bewirbt sich jetzt um die Anerkennung als Luftkurort. "Hier bei uns gibt es Natur pur", lädt Richter ein. "Das Geld muss im Sommer verdient werden. Und der geht von Ostern bis Oktober."
In Bad Schandau ist Bürgermeister Andreas Eggert über die Überziehung eines seiner Etatposten froh. "Zur Wiedereröffnung eines Restaurants oder Geschäfts nach Beseitigung der Flutschäden nehme ich ein paar Blumen oder eine Flasche Wein mit", erzählt er. Damit wird dem Inhaber für seinen Willen gedankt, wieder weiterzumachen. Wie in der Konditorei am Marktplatz gibt es in der Stadt nahe der Grenze zu Tschechien Schilder im Schaufenster: "Wir sind wieder aufgetaucht."
In Eggerts Büro klingelt das Telefon. "Nein, es liegt kein Schlamm mehr auf den Straßen. Wir haben schon lange wieder Strom. Kommen Sie her, es ist noch schöner als im vergangenen Jahr", wirbt er. Auch er will an den 16. August 2002 nicht immer wieder erinnert werden, als der Stadtkern mehrere Meter unter Wasser stand. "Was war, muss in unseren Herzen bleiben." Es habe keinen Sinn, auf der Mitleidswelle zu schwimmen.
"Ein Tourist kommt hierher, weil er sich erholen will - nicht um alte Pegelstände zu studieren", weiß Eggert. Das höchste der Gefühle sind für ihn diskrete Markierungen der Wasserstände. "Doch bei einer Wasserhöhe von etwa 3,50 Meter muss man schon gute Augen haben, um die zu entdecken." Noch ärgern Eggert leere Fensterhöhlen am Marktplatz. "Hoffentlich finden sich bald Investoren", sagt der 47-Jährige. Ein Touristenpaar aus Niedersachsen ist zum ersten Mal hier und hat sich daran nicht gestört. "Wir haben es nicht bereut und kommen bestimmt wieder", erzählt die 57-jährige Christa Ohlendorf.
Gemeindepädagogin Ina-Maria Vetter hofft in der Bad Schandauer St. Johannis-Kirche auf den Herbst. "Dann ist alles wieder hergerichtet", sagt die 52-Jährige. Im Altarraum wird noch Putz abgeschlagen. "Um eine Markierung des Pegels müssen wir uns keine Sorge machen." Bereits 1840 stand die Elbe in dem Gotteshaus bei 3,50 Meter, und das wurde an der Kirchenwand vermerkt. "Im Herbst werden wir das Erntedankfest und erste Taufen und Hochzeiten wieder hier feiern", ist sie sich sicher.

Hintergrund "Nur Landschaft allein reicht nicht aus"
 Im Jahr 2001 waren in das Gebiet zwischen Bad Schandau und Pirna rund 1,4 Millionen Touristen gekommen. Wegen des Elbe-Hochwassers und der Überflutungen in Tälern der Müglitz und Gottleuba fehlten im vergangenen Jahr etwa 200 000 Übernachtungen in der Region. Der Tourismus ist in der Sächsischen Schweiz Wirtschaftsfaktor Nummer eins. Rund 5000 bis 7000 Menschen leben laut Tourismusverband direkt oder indirekt von den Gästen.
Der Verband wirbt vor allem um Gäste aus den alten Bundesländern. "Die Frage ist nicht, ob einer im Bett liegt, sondern ob er Kaufkraft besitzt", begründet Verbandschef Klaus Brähmig diese Konzentration. Mit gezielter Werbung werde auf das Gebiet entlang der Elbe aufmerksam gemacht. "Nur Landschaft allein reicht nicht aus." Die Mischung von Kultur, Wellness, Sport und Natur mache den Reiz eines Urlaubs in der Region aus.
Mit dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband wird ein Hotel-Leitsystem entwickelt. Bis zum nächsten Frühjahr werden rund 300 Wegweiser aufgestellt: Jede Herberge, die mehr als acht Betten anbietet, kann dann durch die Beschilderung Gäste locken.