Zehntausende Menschen warteten stundenlang, um dem in der Offiziersschule in der Hauptstadt Santiago aufgebahrten früheren Despoten die letzte Ehre zu erweisen. Die Angehörigen und besonders treue rechte Anhänger des Generals im Ruhestand sorgten zudem bei der Trauerfeier gestern für einen Eklat, der das demokratische Chile herausfordert. Obwohl die sozialistische Präsidentin Michelle Bachelet ausdrücklich ein Staatsbegräbnis in Absprache mit dem Chef der Streitkräfte, General Oscar Izurieta, verboten hatte, funktionierten Familienmitglieder die Trauerfeier kurzerhand um. Ein Enkel legte über den Sarg eine Präsidentenschärpe und sagte bei einer nicht eingeplanten Rede, hier werde von "einem Präsidenten" Abschied genommen. Die von Bachelet entsandte Verteidigungsministerin Vivianne Blanlot wurde in dem Gotteshaus mit Buhrufen und Pfiffen bedacht. Tausende Anhänger vor dem Geb äude fühlten genauso. "Pinochet war kein Diktator, sondern ein Revolutionär, der Chile wahre Demokratie und Wohlstand gebracht hat", sagte etwa der 32-jährige Luis, der in einer Schlange auf Einlass wartete.
Alte Damen im Kostüm mit Sonnenschirm, junge Mädchen in Jeans, gesetzte Herren in teuren dunklen Anzügen, junge Männer mit langen Haaren und Sandalen, alle gemeinsam skandierten begeistert Sprüche wie "Kommunisten sind wie Schwule", "Blanlot, verpiss Dich" und "Chi, Chi, Chi, Le, Le, Le, Viva Chile, Pinochet", ein Klassiker aus den Fußballstadien, der zu Diktaturzeiten mit dem Zusatz Pinochet versehen worden war. Poster mit der Aufschrift "Grácias mi general" (Danke mein General) für umgerechnet 1,50 Euro fanden reißenden Absatz. Journalisten, die zu aufdringlich nach den Menschenrechtsverbrechen Pinochets fragten, wurden beschimpft und mit Flaschen beworfen.
Das "Ende einer Epoche" titelten einige Zeitungen. Tatsächlich aber ist das Erbe Pinochets noch lange nicht überwunden. Für eine offene Demokratie sei es ein beunruhigendes Zeichen, dass so viele Menschen einen Ex-Diktator feierten, der nie Reue für die grausamen Verbrechen während seiner Herrschaft gezeigt habe, sagte ein in Chile lebender europäischer Korrespondent.
Die Terror- und Willkürherrschaft, die Ausschaltung des Rechtsstaates und die gnadenlose Verfolgung aller Andersdenkenden wird auch heute noch von vielen Chilenen als hinnehmbarer Preis für die Durchsetzung politischer Ziele angesehen.
Aber auch die Linke ist kaum zu dem Eingeständnis fähig, dass der Versuch Allendes, mit nur 36 Prozent der Stimmen in einem eher konservativen Land wie Chile mitten in der Vietnamkriegszeit und angesichts des Ost-West-Konflikts eine sozialistische Revolution durchzuboxen, höchst riskant war.


Zum Thema Weitere Gerichtsverfahren
 Auch nach dem Tod Augusto Pinochets drohen dessen Angehörigen weiter Gerichtsverahren wegen Unterschlagungen in Millionenhöhe. Nach Behördenangaben soll Pinochet rund 27 Millionen Dollar (20,4 Millionen Euro) auf Konten ausländischer Banken deponiert haben. Pinochet, seine Frau Lucia Hiriart und drei ihrer Kinder wurden der Hinterziehung öffentlicher Gelder angeklagt. In der Schweiz setzen die Justizbehörden Ermittlungen zu Depots des Pinochet-Clans bei Kreditinstituten fort.