Waren beide Nachbarländer früher "so nah wie Zähne und Lippen" und pflegten auch lange nach der chinesischen Unterstützung im Korea-Krieg (1950 bis 1953) eine "Freundschaft, die von Blut besiegelt wurde", wird heute kühl von "normalen Beziehungen zwischen zwei Staaten" gesprochen - mehr nicht. "Die Beziehungen sind nicht so gut", sagt in Pjöngjang ungewohnt freimütig ein hoher Beamter der Internationalen Abteilung des Zentralkomitees der nordkoreanischen Arbeiterpartei. Ob der junge Machthaber Kim Jong Un dennoch Chinas Einladung zu den Feiern anlässlich des 70. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkrieges am 3. September in Peking nachkommen werde? "Er ist sehr beschäftigt", sagt der Beamte reserviert. Diplomaten fürchten schon, dass Nordkorea aus Anlass der Feiertage einen neuen Atom- oder Raketentest zünden könnte, um der Welt seine Stärke zu demonstrieren.

Schon eine Teilnahme an Russlands Feiern im Mai in Moskau hatte der junge Führer ausgeschlagen, aber eine Reise nach China wäre ein ganz besonderes Ereignis gewesen - ja, ein erstes Kennenlernen. Aber so richtig willkommen ist Kim Jong Un in China nicht. "Was sollen wir mit ihm reden, wenn er China besucht?", fragt Professor Cui Yingjiu, Gründungsdirektor des Korea-Instituts an der Peking Universität. "China und Nordkorea vertrauen sich nicht mehr."

China ist höchst besorgt. Seine Nuklearexperten hatten erst im Frühjahr ihre Schätzungen über den Umfang der nordkoreanischen Atomwaffen-Produktion nach oben korrigiert. Sie gehen davon aus, dass der Nachbar schon 20 Atomsprengköpfe und ausreichend Kapazität zur Produktion von waffenfähigem Uran haben könnte, um das Arsenal bis nächstes Jahr zu verdoppeln.

Wie groß der Frust in Peking über den störrischen Nachbarn ist, zeigt sich schon darin, dass Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping in seinen gut zwei Jahren im Amt schon viele Länder besucht, aber den kurzen Flug nach Pjöngjang bislang gemieden hat.