Fast unscheinbar wirkt der alte Koffer in der Hand von Andreas Ludwig. Ein Holzkoffer mit Kinderkleidung. "Er wurde von einer Potsdamer Familie auf der Flucht in den Westen zurückgelassen", erklärt der Leiter des Dokumentationszentrums Alltagskultur der DDR in Eisenhüttenstadt (Oder-Spree). Für ihn ein gutes Beispiel einer "Objektgeschichte", bei der ein alltäglicher Gegenstand plötzlich einen Einblick in die untergegangene Welt der DDR ermöglicht. 170 000 weitere Exponate und deren Geschichten hat Ludwig gesammelt - jetzt droht dem Museum zum Jahresende das Aus. Ihm und vier Mitarbeitern wurde bereits gekündigt.

In dem 1993 gegründeten Haus werden Dinge aus dem DDR-Alltag nicht nur gesammelt, sondern auch wissenschaftlich erforscht. Nach Ludwigs Erkenntnis ist es das einzige seiner Art in Deutschland. Die "Zeit" etwa lobte im März die "außergewöhnliche Dauerschau". Etliche Kinofilme wie zuletzt "Barbara" wurden mit Gegenständen von hier ausgestattet.

Grund für die Krise sind Geldsorgen von Eisenhüttenstadt, das seinen jährlichen Zuschuss aufgekündigt hat. "Wir wollen das Dok-Zentrum in der Stadt, aber wir können uns es nicht mehr leisten", so die Stadtsprecherin Kathrin Heyer.

Wie das Museum dennoch weiter betrieben werden kann, wird seit Monaten diskutiert. Der Landkreis als zweiter Geldgeber wollte auch aussteigen, hat aber nun angekündigt, unter Auflagen nochmals zwei Jahre weiterzuzahlen. Das Land als dritter Partner steht zu seinem Zuschuss in Höhe von 90 000 Euro. Weitere finanzielle Verantwortung lehnt das Kulturministerium aber ab.

Angesichts der prekären Situation hat die Stadt einen Rettungsplan entwickelt, der am 5. Dezember im Rathaus zur Abstimmung steht. Die Stadt werde zwar nicht mehr bezahlen, so in der Beschlussvorlage, das Museum aber zwei Jahre in Eigenregie betreiben. Bis 2015 solle es eine langfristige Lösung geben. Der bisherige Trägerverein hatte in dem Chaos seine Auflösung angekündigt.

Stimmen die Stadtverordneten zu, wäre das Dok-Zentrum zwar vorerst gerettet - aber unter stark veränderten Voraussetzungen. Laut dem Papier würden die restlichen 145 000 Euro von Land und Kreis nur noch für die schlichte Offenhaltung plus eine halbe Stelle für Museumspädagogik reichen.

Für das Land ist es laut Kulturministerium kein Problem, wenn nicht weitergeforscht wird. Aufgabe der Institution sei vielmehr, die Forschung Dritter zu ermöglichen. Entscheide sich die Stadt positiv, werde ab 2013 eine "inhaltliche Neukonsolidierung" starten.

Museumsleiter Ludwig befürchtet dagegen "ein Sterben auf Raten". Das Museum sei das "Gedächtnis Ostdeutschlands", seine Bedeutung gehe weit über Brandenburg hinaus. Man dürfe junge Menschen nicht den Privatmuseen überlassen.

Gerade hier setzt aber auch Kritik am Dok-Zentrum an. Land wie Kreis bemängeln die höchstens 9000 Besucher im Jahr und dass zu wenige Schulklassen aus der Region kommen. Der Vorwurf ärgert Ludwig. "Wir haben Schulklassen aus Stuttgart und Chemnitz. Wenn die Lehrer aus der Region nicht kommen, liegt das nicht an uns", sagt er.

Möglicherweise gibt es aber doch noch eine Atempause: Der kommunale Hauptausschuss hat jetzt vorgeschlagen, den derzeitigen Zuschuss doch noch ein weiteres Jahr zu zahlen. Der Plan soll ebenfalls zur Abstimmung kommen.