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Einseitige Geschichtslehre: Die Türkei und die Armenien-Frage

Ein Besucher geht in Istanbul durch das Militärmuseum in die „Hall of Armenian Issue with Documents“.
Ein Besucher geht in Istanbul durch das Militärmuseum in die „Hall of Armenian Issue with Documents“. FOTO: Shabtai Gold (dpa)
Istanbul. Der Tod von möglicherweise bis zu 1,5 Millionen Armeniern vor 100 Jahren ist ein heikles Thema in der Türkei. Schon Kinder lernen: „Völkermord“ gab es keinen. Vor dem Jahrestag flammen die Debatten wieder auf, wie die Reaktionen auf die jüngste Papstrede zeigen. Shabtai Gold, dpa

Im Militärmuseum von Istanbul betritt eine Gruppe türkischer Schüler den Armenien-Raum: Auf einer Wand sehen sie Schwarz-Weiß-Fotos von Leichen. Auf der anderen Bilder von Bewaffneten. In der Mitte hängt ein blutbeflecktes Hemd.

In dem Museum wird das Thema nur die "Armenien-Frage" genannt: Vor 100 Jahren, am 24. April 1915, wurden im Osmanischen Reich prominente armenische Intellektuelle festgenommen und deportiert. Armenier in der ganzen Welt erinnern im April an den Jahrestag des Beginns der Vertreibungen. Bei etwa zwei Jahre dauernden Deportationen und Massakern starben laut armenischen Schätzungen bis zu 1,5 Millionen Menschen, für sie ist es ein "Völkermord". Die Türkei geht von deutlich weniger Opfern aus.

Auch ein Jahrhundert später geht die Debatte darüber unvermindert weiter. Papst Franziskus hatte am Wochenende die Gräueltaten als "ersten Völkermord im 20. Jahrhundert" bezeichnet. Die Türkei, als Rechtsnachfolger der Osmanen, lehnt die Bezeichnung Genozid strikt ab. Ministerpräsident Ahmet Davutoglu kritisierte die Aussagen des Papstes als "unglücklich gewählt, falsch und widersinnig". Sie beruhten auf einer fehlerhaften Interpretation der Geschichte.

Die Schüler in Istanbul hören von diesem Streit jedoch nichts. Der Museumsführer erzählt, wie die muslimischen Herrscher einst dieses heimatlose christliche Volk willkommen hießen. "Doch dann drehten die Armenier durch." Er zeigt auf die Fotos von bewaffneten Armeniern. "Sie begannen, Türken abzuschlachten", sagt er und erzählt die offizielle türkische Version der Geschehnisse.

Das blutige Hemd in der Mitte des Raums gehörte dem hochrangigen Beamten Mehmet Talaat Pasha, der 1921 von einem Armenier in Berlin ermordet wurde. Ein türkisches Opfer. Nicht zur Sprache kommt, dass Talaat als Innenminister für die Deportationen verantwortlich war. Auch nicht erwähnt wird, dass der Attentäter dabei seine Familie verlor. Überhaupt findet sich in der Ausstellung nichts über Gräueltaten an Armeniern.

Im Museum erwachen die Ängste der Türken zum Leben. Die Armenier hätten das ottomanische Imperium verraten und sich mit dem Erzfeind Russland verbündet, heißt es da. Die Türkei spricht von Gewalt auf beiden Seiten, einen organisierten Genozid habe es nicht gegeben. Die Deportationen seien eine Sicherheitsmaßnahme gegen eine verräterische Minderheit gewesen. Berichte über Todesmärsche durch die syrische Wüste, Lagerhaft für Überlebende und von Behörden angeordnete Massaker - all dies weist die Türkei zurück.

Viele Armenier verlangen, dass Ankara den "Völkermord" anerkennt und Opfer entschädigt. Der 2007 von einem türkischen Nationalisten ermordete türkisch-armenische Journalist Hrant Dink sprach von dem Trauma der Armenier auf der einen und der Paranoia der Türken auf der anderen Seite.

Die Verleugnung des "Völkermordes" habe schon bei den Ottomanen begonnen, sagt Khatchig Mouradian vom Studienprojekt "Armenian Genocide Program" der Rutgers-Universität in den USA. Nach dem Fall des Imperiums habe es auch keinen klaren Bruch gegeben. Die gleichen Politiker und Beamten waren demnach auch in der türkischen Republik aktiv.

Nach dem Ende der ottomanischen Herrschaft konvertierten viele Armenier zum Islam und integrierten sich in die Mehrheitsgesellschaft. "In den vergangenen Jahrzehnten haben viele Türken ihre armenischen Wurzeln entdeckt", sagt Mouradian. Doch ein Umschwenken bei der offiziellen türkischen Position hält er für schwierig: "Je mehr man verleugnet, desto schwieriger wird es hundert Jahre später, aus der Situation wieder herauszukommen, in die man sich selbst gebracht hat."