Um mit Würde über die Runden zu kommen, zieht es Marco vor, weiterhin Haare zu schneiden. Zudem hat er gemeinsam mit seinen Brüdern in seinem Heimatdorf das elterliche Haus und ein Stück Land geerbt. Beides wird verpachtet. "Außerdem unterstützen mich meine Kinder", meint er mit sanftem Lächeln. Dennoch käme es Marco nicht in den Sinn, über seine Lage zu klagen - schließlich geht es Millionen Italienern ähnlich.
Mit der Beschreibung seiner gespannten Finanzlage hat der Friseur in Kurzform das "Sozialsystem alla italiana" skizziert: Familie, Schwarzarbeit und meist noch etwas Wohneigentum. Dabei lamentieren Politiker jeder Couleur seit Jahrzehnten über Reformbedarf. So gibt Italien 14 Prozent des jährlichen Bruttoinlands-Produkts (BIB) allein für die staatlichen Pensionskassen aus.
Bislang konnten Italiener schon nach 35 Beitragsjahren in Rente gehen. Wer etwa mit 17 Jahren mit dem Arbeiten begonnen hat und Beiträge zahlte, konnte also schon im Alter von 52 Jahren seine Pension einstreichen. Jetzt ist zwar eine zaghafte Reform im Gange - das Pensionsalter wurde für Männer auf 65 festgesetzt, für Frauen auf 60. Aber die Probleme für die öffentlichen Kassen sind damit längst nicht gelöst - die überfällige grundlegende Reform wird immer wieder stillschweigend begraben.
Gleichsam als Ersatz für die vielen Mini-Renten gibt es in Italien die so genannte "liquidazione". Scheidet ein Arbeitnehmer aus einem Betrieb aus, muss ihm der Arbeitgeber für jedes Jahr im Betrieb einen Monatslohn zahlen.
Andere Formen des sozialen Netzes gibt es in Italien nicht. Allenfalls die Schwarzarbeit. Steuerfahnder des römischen Finanzministerium gingen bei einer Schätzung vor einiger Zeit davon aus, dass die Schattenwirtschaft etwa ein Viertel des "normalen Sozialprodukts" erwirtschaftet.