Von Dietrich Schröder
und Mathias Hausding

Einen Tag nach den tödlichen Schüssen auf einen Straftäter am nordöstlichen Berliner Stadtrand ist bekannt geworden, was sich zuvor in Polen abgespielt hat. Der brutale Mord, den Pawel R. am Mittwoch in seiner Heimatstadt Gorzow verübt hat, und die Tatsache, dass er auf seiner Flucht von Brandenburger Polizisten erschossen wurde, beschäftigt nämlich die polnische Öffentlichkeit stark. Schon am Mittwochabend war das Ereignis ein Thema in den meisten Fernsehnachrichten und auf den Online-Seiten zahlreicher Zeitungen. Vorwürfe gegen die deutschen Beamten gibt es bisher nicht, und dies, obwohl sich das Nachbarland derzeit in einem heißen Wahlkampf  vor der Parlamentswahl im Oktober befindet, in dem auch schon mal antideutsche Töne zu hören sind.

Vielmehr wird darauf verwiesen, dass der Mörder am Berliner Ring die Polizisten mit seiner Waffe bedroht habe, weshalb diese dann die Schusswaffe einsetzten. Im Zentrum der Berichte steht jedoch das eiskalte Vorgehen des  26-jährigen Täters gegen die gleichaltrige Ukrainerin Kristina V.. Wie es heißt, waren beide bis zum Frühjahr kurzzeitig liiert gewesen, doch die Frau bestand auf der Trennung. Damit konnte sich Pawel R. offenbar nicht abfinden.

Der Sprecher der Gorzower Polizei, Marcin Maluda, berichtete am Donnerstag, dass die Ukrainerin bereits im Juni Anzeige erstattet hatte, weil sie von dem Polen verfolgt und bedroht wurde. Ende August sei deshalb ein Prozess an einem Gorzower Gericht eröffnet worden. Als Beweismittel dienten Drohungen, die der Pole seiner Ex per Facebook für den Fall geschrieben hatte, dass sie nicht zu ihm zurückkehre. Am 2. September wurde Pawel R. wegen Stalkings zu einer vergleichsweise geringen Geldstrafe von 500 Zloty (125 Euro) verurteilt. Zusätzlich erging die Auflage, Kristina V. nicht mehr zu behelligen. Zwei Tage später legte er Berufung gegen dieses Urteil ein.

Im Laufe der vergangenen Woche ist dann offenbar sein Rache- und Mordplan entstanden. Er besorgte sich eine Waffe, genauer gesagt eine Vorderladerpistole. Diese Nachbauten historischer Handfeuerwaffen sind in Polen frei verkäuflich. Damit fuhr er am Mittwochmittag zu der Wäscherei, in der die  Ukrainerin arbeitete. „Weil er sich von früheren Besuchen auskannte, ging er zielgerichtet an ihren Arbeitsplatz“, berichteten Zeugen der Zeitung „Gazeta Lubuska“.

Vor den Augen ihrer Kolleginnen schoss er Kristina V. in den Kopf und ergriff die Flucht. Obwohl rasch die Polizei und ein Arzt gerufen wurden, konnte R. mit seinem Mazda entkommen. Wiederbelebungsversuche bei dem Opfer schlugen fehl. Einige Mitarbeiter der Wäscherei erlitten Schocks und mussten betreut werden. Mithilfe der Zeugen gelang es jedoch, den Täter und sein Fahrzeug zu identifizieren.

Die Gorzower Polizei leitete eine Großfahndung ein und bat Brandenburger Kollegen um Unterstützung. Das märkische Polizeipräsidium in Potsdam lobte am Donnerstag die Zusammenarbeit mit den polnischen Kollegen. „Das gemeinsame Polizeizentrum in Swiecko hat sich einmal mehr bewährt“, sagte Polizeisprecher Torsten Herbst. „Von den polnischen Kollegen kam sofort die Nachricht, dass ein bewaffneter Täter nach einem Tötungsdelikt mit Schusswaffeneinsatz in Polen auf dem Weg ins nahe Deutschland sein könnte. Auf Basis dieser Informationen konnte der Mann auf dem Berliner Ring gestoppt werden.“

Am Mittwochnachmittag hatten Beamte an der Autobahnanschlussstelle Hellersdorf den zur Fahndung ausgeschriebenen roten Mazda mit polnischem Kennzeichen angehalten. Der Fahrer, der allein in dem Wagen saß, soll mit einer Waffe „he­rumgefuchtelt“ und auf die Beamten gezielt haben. Trotz mehrfacher Aufforderung habe er die Waffe nicht weggelegt. Beide Beamte haben daraufhin mehrfach auf den Mann geschossen. Der Mann feuerte nach bisherigen Erkenntnissen keine Schüsse ab.