Der Anblick vor dem alten Gasthaus von Horno ist gespenstisch. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite beginnt durchwühltes Gelände. Mitten darin schaufelt ein Bagger und türmt weitere Sandberge auf. Ein paar hundert Meter weiter beginnt der Tagebau Jänschwalde. Die Förderbrücke, die unaufhörlich Braunkohle für das Kraftwerk Jänschwalde freilegt, ist zu sehen. Maschinengeräusche schallen herüber.
„Wenn man jeden Tag hier heraus schaut, lernt man, das irgendwie zu ertragen“ , sagt Ursula Domain. Sie ist 65 Jahre alt, ihr Mann Werner wird in wenigen Tagen 70. Sie leben in einer Wohnung über der ehemaligen Dorfgaststätte. Neben dem Fenster, von dem aus man in den Tagebau blickt, steht ein Klavier, daneben der Weihnachtsbaum. Domains sind die letzten Bewohner des Ortes und weigern sich noch immer, dem Bagger zu weichen.

Abriss letzter Häuser
Die anderen Hornoer sind längst weg, umgezogen in eine neue Siedlung am Rande von Forst. Um Ursula und Werner Domain ist es einsam geworden. Ihr Zuhause können sie nur noch von Norden her über eine eigentlich schon gesperrte Straße erreichen. Hinter ihrem Haus stehen noch etwa ein Dutzend Gebäude, deren Abriss schon begonnen hat. In wenigen Wochen wird die Bleibe der Eheleute wie ein Leuchtturm in einem Meer aus umgewühltem Sand stehen.
Die Rentner wollen trotzdem bleiben. Dass viele sie für verrückt oder stur halten, ficht Ursula Domain nicht an: „Die Leute wissen nicht, was wir bezwecken. Wir wollen ein Zeichen setzen, damit aufgehört wird mit der Naturzerstörung, auch wenn wir Horno nicht mehr retten können.“

Auszug angeordnet
Eine Umfahrung des Ortes mit der Förderbrücke wäre möglich, beharrt sie noch immer auf einem Vorschlag, der in mehrjähriger Debatte vom Bergbaubetreiber immer wieder mit Zahlen und Expertisen als nicht realisierbar zurückgewiesen wurde.
An diesem Vormittag klingelt bei Domains immer wieder das Telefon. Journalisten wollen die Rentner sprechen, seit am Vortag das Landesbergamt in Cottbus einem Antrag des Energiekonzerns Vattenfall Europe stattgegeben und verfügt hat, dass die Eheleute im Oktober ihre Wohnung und zwei Monate später auch ihren benachbarten Garten an den Tagebaubetreiber übergeben müssen.
Dieser vorzeitigen Besitzeinweisung wollen sich Do-mains ebenso wenig beugen, wie dem im vorigen Sommer ergangenen Beschluss der Bergbaubehörde, dass sie ihre beiden Grundstücke an Vattenfall verkaufen müssen. Dagegen haben sie Klage eingereicht. Klagen werden sie auch gegen den jetzt angeordneten Auszugstermin. Doch das kann dauern. Deshalb strengt ihr Anwalt Dirk Teßmer gleichzeitig ein Eilverfahren an, damit der Bagger nicht vollendete Tatsachen schafft, bevor die Juristen rechtskräftig geurteilt haben.

Durch alle Instanzen
Egal, wer dabei unterliegt, Vattenfall oder das Ehepaar Do-main, der Rechtsweg wird in diesem Streit garantiert voll ausgeschöpft: Verwaltungsgericht, Oberverwaltungsgericht, Verfassungsgericht. Einlenken wird keiner. „Das bleibt spannend bis zum September“ , sagt Rechtsanwalt Dirk Teßmer. Er bestreitet, dass ein Umzug der Domains hinter einem überwiegenden Allgemeinwohl zurückstehen müsse. Der Tagebau könne den Ort umfahren, alles andere seien privatwirtschaftliche Interessen, so seine juristische Argumentation.
Wie dünn das Eis eines Eilverfahrens ist, mit dem um eine bergrechtliche Zwangsräumung gestritten wird, erlebten die Lausitzer Bergleute schon einmal im Spätsommer des Jahres 2000. Damals wurde ein Hornoer, der nicht verkaufen wollte, angewiesen, sein Waldstück am Hornoer Berg an den Tagebau zu übergeben. Er klagte. In einem Eilverfahren gab ihm das Cottbuser Verwaltungsgericht zunächst Recht.

Bagger blieb stehen
Der Vorschnittbagger des Tagebaus, der die oberste Erdschicht abträgt, musste stehen bleiben. Bergleute wurden in Kurzarbeit geschickt, es gab Protestaktionen. Der Bundeskanzler besuchte die wütenden Kumpel. Erst das Oberverwaltungsgericht in Frankfurt
(Oder) kippte nach einigen Wochen in zweiter Instanz diese Entscheidung. Die Interessen des Gemeinwohls zur Fortführung des Tagebaus hätten mehr Gewicht als die des Waldbesitzers, entschieden die Frankfurter Richter damals. Die Baggerschaufeln durften sich weiter drehen.
Werner und Ursula Domain haben nach eigenem Bekunden bisher keine Vorsorge für den Fall getroffen, dass die Juristen letztlich doch wieder dem Bergbau Recht geben könnten. „Es gibt ja genug Wohnungen“ , sagt Ursula Domain. „Man kann uns ja nicht auf die Straße setzen.“