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| 10:40 Uhr

Einsames Kurbeln auf Posten 131 in Guben

Die Deutsche Bahn saniert Strecke für Strecke ihr Schienennetz. Dabei hält überall elektronische Stellwerkstechnik Einzug. Im Zuge dieser Modernisierung verschwinden die letzten Bahnschranken, die noch von Hand hoch und herunter gekurbelt werden. Etwa ein Dutzend solcher Schrankenposten gibt es noch in der Lausitz und im Elbe-Elster-Land. Von Simone Wendler

Die Deutsche Bahn saniert Strecke für Strecke ihr Schienennetz. Dabei hält überall elektronische Stellwerkstechnik Einzug. Im Zuge dieser Modernisierung verschwinden die letzten Bahnschranken, die noch von Hand hoch und herunter gekurbelt werden. Etwa ein Dutzend solcher Schrankenposten gibt es noch in der Lausitz und im Elbe-Elster-Land. von Simone Wendler
Am Bahnübergang Kupferhammerstraße in Guben steht ein kleiner grauer Betonturm. Vierzehn enge Stufen führen hinauf zu einem nach drei Seiten mit Fenstern umgebenen kleinen Raum, vier, höchstens fünf Quadratmeter groß. Das ist Schrankenposten 131, der Arbeitsplatz von Heidrun Förster. An Wochentagen acht, samstags und sonntags zwölf Stunden Schicht verbringt sie auf diesem kleinen Fleck. Die 41-jährige Gubnerin ist eine der letzten Schran-kenwärterinnen in der Region.

225 Bahnübergänge in ganz Deutschland werden zurzeit noch von Hand bedient, etwa ein Dutzend davon in der Lausitz. In Cottbus wird noch gekurbelt, in Golßen, in Ortrand, Lauta, Schwarzkollm, Kamenz und eben in Guben, in der Kupferhammerstraße. Die Straße, die hier von der Bahn gequert wird, führt nach Eisenhüttenstadt. Es herrscht reger Autoverkehr. Auf der Schiene ist es ruhiger.

Weniger Züge

Es sind deutlich weniger Züge geworden in den vergangenen Jahren, etwa 30 sind es noch in einer Acht-Stunden-Schicht von Heidrun Förster. Einmal pro Stunde begegnen sich hier die Regionalexpresszüge der Linie Frankfurt (Oder) – Cottbus. Der Rest sind Güterzüge, ein Teil davon Werksverkehr für Eko Stahl in Eisenhüttenstadt. Der größte Teil der Arbeit von Heidrun Förster auf Posten 131 ist Warten.

"Beide Schranken schließen für Einfahrt 48445", schnarrt es aus einer mausgrauen Wechselsprechanlage aus DDR-Produktion. Heidrun Förster notiert die Nummer in einer Liste und ergreift die beiden Eisenkurbeln, die schulterbreit voneinander entfernt in ihrem Schrankenwärterhäuschen stehen. Stahlseile gehen durch den Fußboden den kleinen Turm hinab bis zu den Schranken. "Ich brauche hier nicht raus, ich sitze immer im Trockenen", freut sie sich. Wenige Augenblicke später bestätigt sie per Sprechfunk "Schranken geschlossen", dann erst gibt der Fahrdienstleiter am anderen Ende der Leitung dem herankommenden Zug grünes Licht.

Bis der Zug den Übergang passiert hat, muss die Schrankenwärterin ihn beobachten, so die Vorschrift. Dann wird die Schranke wieder hochgekurbelt, Sprechfunkmeldung an den Fahrdienstleiter und Zug-Nummer in der Liste abstreichen. Erledigt. Warten auf die nächste Bahn. Radio oder ein kleiner Fernseher sind auf dem Schrankenposten nicht erlaubt, Lesen soll nicht sein, wenigstens keine spannenden Bücher. Denn Schrankenwärter, das heißt, immer bereit zu sein, auch wenn nichts passiert. "Das ist schon eine große Verantwortung hier, kein lauer Job, man muss sich immer wieder konzentrieren", sagt Heidrun Förster.

Waschechte Eisenbahnerfamilie

Sie stammt aus einer waschechten Eisenbahnerfamilie. Als Kind besuchte sie oft ihren Vater auf dem Stellwerk in Weichensdorf bei Beeskow. "Der hatte noch mehr zu tun als ich, Weichen musste er stellen und Signale", erinnert sie sich. Nicht nur Heidrun Förster ging zur Bahn, auch ihre Schwester. Beide heirateten auch Eisenbahner.

Gerade zur Wende war Heidrun Förster zu Hause, weil ihr Sohn geboren wurde. Danach musste sie, die vorher im Dispatcherdienst den Zugbetrieb mit organisiert hatte, wieder "klein anfangen". In Kerkwitz, in der Nähe von Guben, wurde sie "Bahnhofshelfer". 1996 war damit Schluss, Heidrun Förster wurde Schrankenwärterin in der Gubener Kupferhammerstraße. Anfangs vor allem, um bei der Bahn bleiben zu können, inzwischen mache ihr die Arbeit Spaß, versichert sie. Es sei schön, mit zu helfen, "dass es rollt".

Von ihrem Posten aus kann Heidrun Förster fast bis zum Gubener Bahnhof blicken und gegenüber weit über Wiesen und Felder. Davor stehen zwei Häuser. Die Bewohner dort sieht sie immer "herumwerkeln und die Blumen gießen", doch gesprochen hat sie noch nie mit ihnen. Auch nicht mit den Radfahrern und einigen Autofahrern, die jeden Tag zur selben Zeit vorbeikommen, und die sie vom Sehen kennt.

Der Schrankenposten ist hoch über der Straße, Heidrun Förster darf ihn nicht verlassen. Für den Gang zur Toilette muss sie sich per Telefon abmelden. "Das ist schon sehr einsam hier oben", sagt die Schrankenwärterin über ihren Arbeitsplatz, "da musste ich mich erst dran gewöhnen." Wenn sie auf den nächsten Zug wartet, denkt sie meist an ihre Familie. Was der vierzehnjährige Sohn wohl gerade macht, was am nächsten Tag zu erledigen ist, schmiedet Pläne für freie Tage, die sie mit ihrem Mann gemeinsam verbringen kann. Denn auch er arbeitet im Schichtdienst, Familienfreizeit ist knapp.

Außergewöhnliches ist noch nicht passiert am Schrankenposten 131, seit Heidrun Förster dort kurbelt. Nur ein paar mal seien Autofahrer gegen die Schranken gefahren und hätten sie demoliert. Überhaupt, die Autofahrer, auf einige von ihnen ist Heidrun Förster nicht gut zu sprechen.

Wind pfeift durch die Ritzen

Wenn die Schranke sich schon schließt, versuchen immer wieder einige, noch durchzuschlüpfen. "Die wissen, dass hier mit der Hand gekurbelt wird und verlassen sich darauf, dass ich noch mal anhalte und warte", sagt Heidrun Förster. Doch sie hat es eilig. In zwei bis drei Minuten muss die Schranke zu sein, sonst könne es schon Probleme mit dem Fahrplan geben.

Wenn es stürmt, pfeift der Wind durch die Fensterritzen von Schrankenposten 131. Im Sommer wird es in dem kleinen Raum bis zu 40 Grad warm. Von den Fensterrahmen blättert die Farbe. Grünpflanzen stehen auf dem Fensterbrett. Wie lange es den handbetriebenen Posten in Guben noch geben wird, steht nicht fest. Erst, so Heidrun Förster, hieß es 2007, jetzt 2010. Doch das könne sich schnell ändern. "Wenn Geld da ist, wird gebaut", sagt die Eisenbahnerin, "dann sind wir hier weg."

Anfangs habe sie sich oft darüber Gedanken gemacht, was dann aus ihr werden wird. Jetzt habe sie eher das Gefühl, es werde schon irgendwie weitergehen. Nur von der Bahn will sie nicht weg, das kann sie sich nicht vorstellen. Eines hat sie sich jedoch ganz fest vorgenommen. So lange es den Schrankenposten 131 gibt, wird sie die Kurbeln drehen. "Ich mache hier das Licht aus." Daran lässt Heidrun Förster keinen Zweifel.