Von Ingvil Schirling

Aus Kinderaugensicht mag es so aussehen, als hätte man sein eigenes Hochhaus. Für die Berliner Stadtkinder Mira und Alma könnte die historische Holländerwindmühle durchaus Ähnlichkeiten mit den Mehrstöckern Berlins aufweisen; auf jeden Fall gibt es viele Treppen zu steigen. Nur: Von ganz oben schaut man aus dem Mühlenturm nicht in Häuserschluchten und auf Straßenzüge, sondern auf lindgrüne Getreidefelder, gesäumt von dunklem Wald, und auf die Spitze des Dorfkirchturms. Und das ist der Unterschied.

 Eine knappe Woche sind Bianca Thiele und Stefan Jurisch, beide 33, jetzt mit ihren beiden Kleinkindern in Groß Leine. Das Dorf liegt in der Gemeinde Märkische Heide, diese wiederum im Landkreis Dahme-Spreewald, direkt am Rande des Spreewalds. Blau das Wasser, grün das frühsommerliche Korn, herb duftend die Kiefern - „und dann diese Weite“, bemerkt Stefan Jurisch. Die Gespräche sind schon langsamer geworden, doch so ganz runtergekommen ist die Familie noch nicht.

Auszeit mit Auftrag

Kein Wunder: Die Marketingaktion des Landes Brandenburg ist an Bedingungen geknüpft. Schon zur Bewerbung war ein Video einzureichen  – weitere Aufgaben diesbezüglich warten noch auf die beiden. „Wir mussten genau erklären, warum wir das wollten und was wir vorhaben in dieser Zeit“, sagt Bianca Thiele. Sie kommt aus der Tourismusbranche, hat vor Miras Geburt bei einer Agentur in Hamburg gearbeitet, zwischen den Kindern in diesem Bereich von Zuhause aus.

Ihr Partner Stefan Jurisch stammt aus dem Fläming, Raum Jüterbog, lebt mit ihr seit Jahren in Berlin, doch ihn zieht es eigentlich mehr noch als sie wieder zurück aufs Land. Seit Alma auf der Welt ist und Mira größer wird, kann sich Bianca Thiele das mehr und mehr vorstellen. Ihren Töchtern eine Kindheit auf dem Lande zu ermöglichen – das hat seinen Reiz.

Vier Wochen Landleben

 Daher freute sie sich sehr, als – mit leichter Verspätung – der erlösende Anruf kam. Familie Thiele/Jurisch durften als eine von drei Gewinnern der Aktion für vier Wochen in ein Gehöft in Brandenburg einziehen. Ihr Wunsch, sich in der Zeit viele Freunde einzuladen, Platz zu haben, trifft sich gut mit der Mühle, die Schlafmöglichkeiten für 18 Gäste anbietet und auf einem 14 000 Quadratmeter großen Grundstück steht. Die Einrichtung ist sehr hochwertig, sie wird auch als eher gehobenes Feriendomizil vermietet. Am Samstag war der große  Tag des Einzugs in dieses Zuhause auf Zeit.

Doch wirklich ruhig geworden ist es längst noch nicht. Die werbewirksame Maßnahme zieht Journalisten an, die eine Menge Fragen haben. Im Gegenzug zur vierwöchigen „Elternzeit“ sind, wie schon zur Bewerbung, weitere Videos zu erstellen, sind soziale Netzwerke wie Facebook und Instagram zu füttern. Alma und mehr noch Mira müssen sich mit der neuen Umgebung erst noch anfreunden.

Begegnung mit Ente und Kaninchen

Und die ist bisher durchweg freundlich. Stefan Jurisch beim ersten Großeinkauf gleich mal den Schwielochsee besucht. Ein Dorfspaziergang im beschaulichen Groß Leine erbrachte zudem die Einladung, hereinzukommen und die Tiere kennenzulernen: Alma und Mira begegneten somit Enten und Kaninchen. Zahlreiche Freikarten erwarten die Gewinner außerdem von den Sponsoren der Aktion – doch Bianca Thiele schüttelt jetzt schon den Kopf: „Das werden wir gar nicht alles schaffen.“

Gewinn für die Märkische Heide

Ein Gewinn ist die „Elternzeit“ aber nicht nur für die Berliner Familie. Die Gemeinde Märkische Heide profitiert ihrerseits von der öffentlichkeitswirksamen Aktion, die sie zum zweiten Mal „an Land ziehen“ konnte. Bei der Kampagne „Es kann so einfach sein“ war die Region am Rande des Spreewalds mit einem einladenden Seeuferbild samt Steg vertreten. Bürgermeisterin Annett Lehmann freut besonders, „dass eine unabhängige Kommission ohne Bewerbung uns schon zweimal ausgewählt hat. Ein besseres Zeugnis für das Leben in unserer Gemeinde gibt es kaum“ schätzt sie ein. Für sie ein willkommenes Ereignis: „Es heißt oft: ,Hier geht nichts mehr’“, beschreibt sie eine pessimistische Stimmung in der Bevölkerung, die sich teilweise in den Wahlergebnissen widerspiegele. Doch dieser neue Coup zeige, dass das Leben auf dem Land lebenswert sei und es eine Zukunft für Gemeinden wie Märkische Heide gibt.

Bianca Thiele und Stefan Jurisch ist unterdessen nach einer knappen Woche klar: „Von dem vielen Grün, dem Garten, werden wir uns nur schwer trennen können“, ist sich die junge Mutter sicher. Sie liebt Berlin, aber aufs Land zu ziehen, erscheint ihr längst alles andere als „abwegig“. Es muss ja vielleicht keine exklusiv restaurierte Mühle mit fünf Etagen werden. Vom Dachboden eines normalen Häuschens aus kann man auf dem Brandenburger Land auch sehr weit schauen.