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Einen riesigen Stein ins Rollen gebracht

Wegen versuchter "Republikflucht” war auch der heutige CDU-Landtagsabgeordnete Dieter Dombrowski in Cottbus eingesperrt.
Wegen versuchter "Republikflucht” war auch der heutige CDU-Landtagsabgeordnete Dieter Dombrowski in Cottbus eingesperrt. FOTO: Wendler
Cottbus. Das frühere Cottbuser Zuchthaus war eine der berüchtigten Haftanstalten für politische Gefangene der DDR. Am heutigen Dienstag wird dort eine Dauerausstellung eröffnet, die auch die Haft in der Nazizeit in den Blick nimmt. Simone Wendler / sim

Bis zum letzten Moment wird geschraubt und geputzt. Am heutigen Dienstagvormittag öffnet die mit Spannung erwartete Dauerausstellung des Menschenrechtszentrums Cottbus ihre Pforten. "Ich habe keine Sekunde hier bereut, das ist eine tolle Aufgabe", sagt Sylvia Wähling, geschäftsführende Vorsitzende des Menschenrechtszentrums Cottbus e.V., die seit drei Jahren die Arbeiten geleitet hat.

Die Ausstellung schafft es, entgegen anfänglichen Befürchtungen von Kritikern des Vereins, einen Bogen über politische Haft in zwei Diktaturen bis hin zu aktuellen Fragen der Wahrung von Menschenrechten zu spannen. Denn im Cottbuser Zuchthaus saßen die politischen Häftlinge der Nazis und der DDR.

Geschichte in Biografien

Die Ausstellung geht den Weg durch die Gefängnisgeschichte chronologisch anhand der Biografien von 28 Gefangenen. Dazu gibt es Dokumente und andere Exponate: Eine alte Schreibmaschine, ein Fahrrad oder das Babymützchen eines Säuglings, der in der DDR zur Adoption freigegeben wurde, während seine Mutter in Cottbus inhaftiert war. Viele dargestellte Häftlingsbiografien betreffen Menschen aus der Lausitz. Auf heute prominente politische Gefangene aus der DDR-Zeit wie den Schauspieler Uwe Kockisch wurde verzichtet. "Wir wollten zeigen, aus welchen banalen Gründen und durch welche Unterstellungen Menschen hier in Haft kamen", sagt Sylvia Wähling.

Ein Zeitstrahl, der den Besucher an der Wand begleitet, sorgt mit wenigen einprägsamen Fakten und Bildern für eine zeitgeschichtliche Einordnung der politischen Verfolgung.

Von Cottbus ins KZ

In der Nazizeit waren das kommunistische Widerstandskämpferinnen wie Greta Kuckhoff von der Gruppe "Rote Kapelle" oder die Französin Giselle Guillemot, die nach acht Monaten Haft in Cottbus in die Konzentrationslager Ravensbrück und Mauthausen verschleppt wurde.

Im Cottbuser Zuchthaus litten während der Nazidiktatur auch Unterstützerinnen der Widerstandsgruppe "Weiße Rose", wie Margaretha Rothe, die im April 1945 starb. Briefe, die sie aus dem Cottbuser Zuchthaus an ihre Eltern schrieb, sind in der Ausstellung zu sehen.

Deren größerer Teil widmet sich den politischen Gefangenen in der DDR-Zeit. Die meisten von ihnen landeten nach gescheiterten Fluchtversuchen in den Westen im Cottbuser Zuchthaus. Sie mussten in der Haft Teile für "Pentacon"-Kameras herstellen, die in die Bundesrepublik verkauft wurden. Viele von ihnen wurden später selbst im Rahmen des Häftlingsfreikaufes von der DDR-Führung gegen harte Westmark eingetauscht. Einer davon war Dieter Dombrowski, heute CDU-Landtagsabgeordneter in Brandenburg. Ein Ausstellungsteil widmet sich den Haftbedingungen in dieser Zeit.

Platz für Dokumentarfilm

Einen Platz in der Dauerausstellung soll, so Sylvia Wähling, auch der Dokumentarfilm von zwei Cottbuser Abiturienten finden. Sie hatten mit der Kamera ehemalige Häftlinge, Wärter und Menschen, die neben dem Zuchthaus wohnten oder noch leben befragt. Der im Rahmen eines Geschichtswettbewerbes entstandene Film wurde vor Kurzem vom Bundespräsidenten ausgezeichnet.

Für den Verein Menschenrechtszentrum e.V. ist die Eröffnung der Dauerausstellung nur sechs Jahre nach der Gründung ein großer Erfolg. 1,7 Millionen Euro sammelte der Verein bei Bund, Land und privaten Spendern ein, um das ehemalige Hafthaus I und Teile des Torhauses zu sanieren. Für die Ausstellungskosten plus drei Personalstellen überwies der Bund weitere rund 800 000 Euro.

Im April endet jedoch die Finanzierung für die drei Mitarbeiter. Wie es dann weitergeht? Sylvia Wähling weiß es noch nicht. Aber dass es irgendwie weitergehen wird, davon ist sie überzeugt: "Wir haben hier einen riesigen Stein ins Rollen gebracht, denn hält niemand mehr auf."

Die Ausstellung kann am Dienstag von 15 bis 19 Uhr besichtigt werden. Mehr dazu

www.menschenrechtszen-

trum-cottbus.de

Zum Thema:
1860 wurde in Cottbus ein Königliches Central-Gefängnis in der Bautzener Straße eröffnet. In der Nazizeit wird es Frauenzuchthaus und Haftort für viele politische Gefangene. In Cottbus sitzen kommunistische Widerstandskämpferinnen und Unterstützerinnen der "Weißen Rose" hinter Gittern.In der DDR wird das Cottbuser Gefängnis immer mehr zur Haftanstalt von politischen Gefangenen. In den 80er- Jahren bilden Männer, die wegen versuchter "Republikflucht" oder "staatsfeindlicher Hetze" verurteilt wurden, die Mehrzahl der Insassen.Aus dem Cottbuser Gefängnis werden Hunderte politische Gefangene in den Westen freigekauft. In der Haftanstalt müssen die Insassen Bauteile für "Pentacon"-Kameras produzieren, die in den Westen verkauft werden.2002 wird das Gefängnis stillgelegt. Im Oktober 2007 gründen ehemalige Häftlinge einen Verein, um den Ort als Gedenkstätte zu erhalten und dort ein Menschenrechtszentrum zu errichten.1,72 Millionen Euro werden vom Bund, dem Land Brandenburg und privaten Spendern aufgebracht, um das ehemalige Hafthaus I und ein Teil des Torhauses zu sanieren. Die Kosten der Dauerausstellung und drei zeitlich befristete Stellen (insgesamt rund 800 000 Euro) stellte der Bund zur Verfügung. sim