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Eine Schmach, die bis heute Spuren hinterlassen hat

Washington. Der Vietnamkrieg hat viele Verlierer: Die Südvietnamesen, die den Kampf gegen das kommunistische Nordvietnam und um ihre Unabhängigkeit verloren. Die USA, die sich von der militärischen Niederlage nie wirklich erholt haben. dpa/lmr

Mit 15, 20 jubelnden Soldaten walzen die Panzer am 30. April 1975 durch das schmiedeeiserne Gitter des Präsidentenpalastes in Saigon. Der Krieg ist vorbei, die Kommunisten aus Nordvietnam haben das von den USA unterstützte Südvietnam geschlagen. Die Wiedervereinigung des asiatischen Landes ist 21 Jahre nach der Teilung besiegelt.

Und die Weltmacht USA muss ab sofort mit einer Schmach leben. Die Amerikaner wurden von den Nordvietnamesen bezwungen, David besiegt Goliath.

Die Fotos der letzten Hubschrauber, die am 30. April 1975 vom Dach der US-Botschaft in Saigon abhoben, zeigen Menschen, die sich in irrer Verzweiflung an die Kufen der Helikopter klammerten.

Nguyen Duc Gan, damals 27, kämpfte für Nordvietnam, stand damit auf der Siegerseite: "Ich war so glücklich, als die Nachricht kam, dass Saigon befreit ist", sagt er. "Es ist einer der wichtigsten Tage für unsere Nation."

Zum Feiern war Nguyan Van Hoang, damals auch 27 und Soldat der Südvietnamesen, nicht zumute. "Ich war im Hochland, als wir hörten, dass die Nordvietnamesen den Präsidentenpalast erobert haben", sagt er. "Wir haben uns am selben Tag ergeben."

"Für mich ist der 30. April ein trauriger Tag", sagt ein Vietnamese Anfang 60 mit starkem US-Akzent in Saigon. Er war wie Hunderttausende Boat People nach der Einnahme Saigons geflüchtet und landete in Kalifornien. Er kommt oft zurück in sein Geburtsland, um Veteranen wie Hoang zu helfen, die als Kämpfer der Verliererseite vom Staat keine Unterstützung bekommen. Seinen Namen nennt er nicht, aus Furcht, der Staatsapparat könne ihm künftig die Einreise verweigern. Im kommunistischen Einparteienstaat Vietnam ist jedwede Form von Kritik an der Partei ist verboten.

"Der Norden versucht, die politische Erinnerung an den Süden auszulöschen, aber sie lebt fort in Veteranen, den Flüchtlingen, denen, die das damals erlebt haben", sagt Nathalie Nguyen, Geschichtsprofessorin an der Monash-Universität in Melbourne. "Aus Sicht des Südens wollten die Nordvietnamesen die Vereinigung unter dem Kommunismus, und der Süden hat sich widersetzt. So wird es aber selten dargestellt." In der US-Geschichtsschreibung gehe es vor allem um den amerikanischen Kampf gegen den Kommunismus.

Ein Kampf, den die Amerikaner verloren, bei dem 58 000 amerikanische Soldaten umgekommen sind. Ihre Namen sind auf dem Vietnam Denkmal in Washington eingraviert. "Boys" wurden die blutjungen Kerle damals genannt, oft waren sie gerade mal 20 Jahre alt, als sie in den Krieg geschickt wurden.

Richard Crisci ist heute 73 und kann sich nur wundern, wie unbedarft viele seiner Generation damals in den Krieg zogen. "Wir waren junge Männer, die aus der High School kamen und wir fühlten uns, als seien wir drei Meter groß und die Kugeln könnten uns nichts anhaben." Heute weiß er, dass er einfach Glück hatte.

Eine Erklärung, warum die stärkste Armee der Welt von "Barfußkriegern" in die Knie gezwungen wurde, gibt es bis heute nicht. "Unter Historikern herrscht allgemein die Meinung, dass der Krieg ein Fehler war", sagt Professor Philip Catton von der Ohio University. Zwei Lager beherrschten die gegenwärtige Debatte.

Die "Orthodoxen" meinen, dass der Krieg für die USA, ein Krieg gegen Guerillakämpfer, die nichts zu verlieren hatten, im Kern nicht zu gewinnen war.

Die "Revisionisten" meinen, der Krieg wäre sehr wohl zu gewinnen gewesen. Die USA hätten Nordvietnam nur stärker bombardieren, mehr Truppen in die Nachbarländer Kambodscha und Laos schicken müssen.

Was bleibt, ist das "Vietnam Syndrom", das Zögern, sich abermals schlecht vorbereitet in militärische Abenteuer zu stürzen. "Wir haben das Vietnam-Syndrom ein für alle Mal verscheucht", jubelte Präsident George Bush Senior nach der Befreiung Kuwaits im Februar 1991 - doch er jubelte zu früh.

Die Kriege im Irak und in Afghanistan haben die Furcht vor dem "Mission Creep", dem schleichenden Abgleiten in einen Krieg, der nicht zu gewinnen ist, jedoch wieder lebendig werden lassen. Für Präsident Barack Obama ist die Furcht vor militärischen Verwicklungen zur bestimmenden Konstante seiner Amtszeit geworden - er war nicht einmal 14 Jahre alt, als die Schockbilder der startenden Hubschrauber in Saigon um die Welt gingen.