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| 02:38 Uhr

Eine Reise der Signale

Flüchtlingskinder in Nizip warten auf die deutsche Bundeskanzlerin.
Flüchtlingskinder in Nizip warten auf die deutsche Bundeskanzlerin. FOTO: dpa
Gaziantep. Der Besuch der Kanzlerin dauert nur ein paar Stunden, für Gespräche mit Flüchtlingen bleiben nur Minuten. Für den Zusammenhalt von EU und Türkei ist es aber ein wichtiger Tag. Can Merey und Kristina Dunz

Die syrischen Kinder kleben förmlich am Zaun des Flüchtlingslagers im südosttürkischen Nizip, einige sind auf ein Spielgerüst geklettert, um besser sehen zu können. So eine Abwechslung vom Camp-Alltag hatten sie noch nie. Auf der Hügelkette neben dem Lager stehen Panzerfahrzeuge und Soldaten, um den hohen Besuch zu schützen. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu kommen am Samstag vorbei - wenn auch nur für 30 Minuten.

Zwei Busse mit dem Siegel des Ministerpräsidenten fahren ein, obendrauf martialische Personenschützer mit Schnellfeuergewehren. Drei Armeehubschrauber haben den Konvoi vom etwa 50 Kilometer entfernten Flughafen der Stadt Gaziantep aus begleitet, wo Merkel, EU-Ratspräsident Donald Tusk und Vizekommissionschef Frank Timmermans gelandet sind. Vier syrische Flüchtlingsmädchen bilden das Empfangskomitee, sie sind in die Tracht von Tscherkessinnen gekleidet und überreichen den Besuchern bunte Blumen.

Der Vater von zwei der Mädchen heißt Mohammed Tomok. Mit seinem Enkel leben drei Generationen seiner Familie in dem Flüchtlingslager. "Es ist sehr gut hier", sagt Tomok und streckt seinen Daumen nach oben. Was sich der 48-Jährige aus Damaskus vom Merkel-Besuch wünscht, erscheint ein bisschen viel auf einmal: "Ich hoffe, dass Europa und Amerika Frieden in meinem Land schaffen." Er sei Pilot in der syrischen Luftwaffe gewesen und desertiert. "Ich will Frieden." Tiefergehende Gespräche mit Flüchtlingen über deren verzweifelte Lage sind kaum möglich. Es bleibt aber Zeit und Raum für Symbolpolitik.

Willkommensplakate

In Gaziantep hat die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) eine ganze Menge Plakate mit Merkel aufhängen lassen. "Wir sind stolz auf unsere Kanzlerin Frau Angela Merkel und unseren Ministerpräsidenten Herrn Ahmet Davutoglu", steht dort auf Deutsch.

Die UETD steht der türkischen Regierungspartei AKP nahe und organisiert die Auftritte von Präsident Recep Tayyip Erdogan in Deutschland. Der ungewohnte UETD-Applaus für Merkel zeigt, wie eng Ankara und Berlin wegen der Flüchtlingskrise zusammengerückt sind. Zu eng, wie viele Deutsche meinen. Es ist von Kuschen und deutscher Abhängigkeit die Rede.

Merkel will mit dem Besuch das Signal aussenden, dass der Mitte März geschlossene EU-Türkei-Pakt funktioniert. Abschiebungen von den griechischen Inseln in die Türkei sind das eine, die europäische Hilfe für die Flüchtlinge in der Türkei das andere. Dabei gibt es durchaus ungelöste Fragen. Etwa die Umsetzung der Vorgaben für die Türkei, um die in Aussicht gestellte Visumfreiheit zu bekommen, und Schutzzusagen für nicht-syrische Flüchtlinge - zunächst Afghanen und Iraker. Davutoglu zeigt sich aber sicher: Die Bewältigung der Flüchtlingskrise werde einmal "in goldenen Buchstaben" in die Geschichtsbücher eingehen.

Die Besucher aus Berlin und Brüssel zollen der Türkei viel Respekt für ihre Flüchtlingspolitik. Beeindruckt sagt Tusk: "Die Türkei ist heute das beste Beispiel in der Welt dafür, wie wir mit Flüchtlingen umgehen sollten. Keiner hat das Recht, die Türkei zu belehren." Die Flüchtlingspolitik gehört zu den wenigen Bereichen, für die die Türkei international noch Anerkennung erfährt. Zum Komplex Erdogan und Pressefreiheit hat er noch eine andere Botschaft. Der Umgang Ankaras mit der Meinungsfreiheit, der in Deutschland zuletzt geradezu eine Staatsaffäre auslöste, bereitet vielen in der EU Sorgen.

Merkel räumt Fehler ein

Merkel bekennt sich kurz vor ihrem Türkei-Besuch zu dem Fehler, dass sie Böhmermanns Zeilen früh und ohne Not als "bewusst verletzend" eingestuft hat. Das hat es in ihrer bald elfjährigen Kanzlerschaft selten gegeben. Sicher kein Zufall, dass sie just vor ihrem Türkei-Besuch diese Wende vollzieht. Eine Kanzlerin, die wegen der Flüchtlingskrise unter Druck steht, deren Umfragewerte sinken und die wegen eines Paktes mit der Türkei Erpressbarkeit vorgeworfen wird, stellt sich vor die Kameras und gibt einen Fehler zu. Wohl auch ein Zeichen der Stärke. Und eine Botschaft an die Türkei: Merkel geht ihren eigenen Weg.