Der in Alexandria bei Washington vor Gericht stehende Franzose lieferte gestern das sensationelle Bekenntnis ab, dass für die Anschläge ursprünglich nicht vier, sondern fünf Flugzeuge vorgesehen gewesen seien - er selbst habe das fünfte Flugzeug in das Weiße Haus steuern sollen. Allerdings können die Aussagen des 37-Jährigen nicht ohne Weiteres für bare Münze genommen werden. Zu oft hat er sich bereits in den vergangenen Jahren selbst widersprochen. Und manche Prozessbeobachter spekulieren gar, Moussaoui strebe den eigenen Tod an, den die zwölfköpfige Jury am Ende des bisher einzigen US-Prozesses zum 11. September beschließen könnte.

Ohne Rücksicht auf Anwälte
Mit allen Mitteln hatten Moussaouis eigene Anwälte versucht, seinen Auftritt im Zeugenstand zu verhindern. Sie hatten wohl geahnt, dass ihr Mandant keine Rücksicht auf ihre Strategie nehmen und sich selber schwer belasten könnte. Mit seiner Aussage könnte der Franzose dann aber die Befürchtungen seiner Verteidiger sogar noch übertroffen haben: Al-Qaida-Chef Osama bin Laden persönlich habe ihm befohlen, zeitgleich mit den 9/11-Hijackern das Weiße Haus anzugreifen, gab Moussaoui in ruhigem Ton zu Protokoll - womit er seine eigene frühere Aussage widerrief, er habe das Weiße Haus keineswegs schon am 11. September, sondern erst in einer zweiten Terrorwelle angreifen sollen.
Zugleich stützte der Franzose ein zentrales Argument der Staatsanwaltschaft, indem er aussagte, nach seiner Festnahme im August 2001 die Beamten der US-Bundespolizei FBI belogen zu haben, damit die 9/11-Operation vorangehen konnte. Auch mit einem grausigen Detail zu seinen Anschlags vorbereitungen könnte der marokkanisch-stämmige Franzose tiefen Eindruck auf die Geschworenen gemacht haben: Zwei kleine Messer habe er sich gekauft, um gegebenenfalls einen Passagier oder eine Flugbegleiterin zu töten. "Jemandem die Kehle durchzuschneiden, ist nicht schwer", sagte Moussaoui ohne erkennbare Regung. Seine Version des 11. September vermochte der Franzose aber insgesamt mit nur wenigen Details abzustützen. Von den übrigen Attentätern, die angeblich mit ihm das Weiße Haus attackieren sollten, habe er nur einen Namen gekannt. In einer weiteren überraschenden Wende des Prozesses nannte Moussaoui den als "Schuhbomber" berühmten Briten Richard Reid als seinen Komplizen. Reid büßt in den USA eine lebenslange Haftstrafe ab, nachdem er im Dezember 2001 bei einem Flug von Paris nach Miami Sprengstoff in seinen Schuhen eingeschmuggelt und zu entzünden versuc ht hatte. Moussaoui wie Reid hatten früher im Londoner Einwandererviertel Brixton in denselben radikal-islamischen Kreisen verkehrt.
Moussaouis Sensationsbekenntnis aber wird durch die Aussage von Khalid Scheich Mohammed dementiert, der als Chefplaner des 9/11-Komplotts gilt und von den USA an unbekanntem Ort festgehalten wird. Die Verteidiger lasen Mohammeds Aussage für den Prozess vor: Danach war der Franzose erst für eine zweite Angriffswelle vorgesehen. Und Mohammed ließ auch durchblicken, dass selbst über einem solchen Einsatz des Franzosen noch ein Fragezeichen stand. Moussaoui sei zu geschwätzig gewesen und habe mit seinen vielen Telefonaten gegen die Regeln verstoßen, gab Mohammed mit kaum verhüllter Verachtung zu Protokoll.

"Jeder Amerikaner ein Feind"
Wegen der früheren Bekenntnisse Moussaouis geht es in dem Prozess nur noch um die Entscheidung zwischen der Todesstrafe und lebenslanger Haft. Seine neuen Aussagen haben es den Verteidigern allerdings erschwert, ein Todesurteil zu verhindern. Sie könnten deshalb nun ihre Strategie ändern und vor allem nachzuweisen versuchen, dass ihr Mandant geistig verwirrt ist. Allerdings ist auch möglich, dass der Franzose mit durchaus kühlem Verstand seine Hinrichtung anstrebt - um zum Märtyrer des "Heiligen Kampfes" zu werden.
Gnade scheint er jedenfalls nicht zu erwarten: "Ich betrachte jeden Amerikaner als meinen Feind", sagte Moussaoui gestern. "Deshalb gehe ich grundsätzlich davon aus, dass jeder Amerikaner versucht, mich zu töten."