Aber der Tod von zwanzig Kindern im Vorschul- im Kindergartenalter hat dem Land "das Herz gebrochen". Das hat Präsident Barack Obama in seiner von Tränen unterbrochenen Ansprache unmittelbar nach dem Schulmassaker gesagt und das ganze Land schien ihm dabei traurig zuzunicken. Aber erst als dann am Samstag die lange Liste all der sechs- und siebenjährigen toten Kinder bekannt wurde, wurden die USA von wirklichen Schockwellen erfasst. All diese Kindernamen und dann die ersten Bilder von den Toten verdeutlichten das ganze Ausmaß des Schreckens. Die Fernsehsender werden auch in den nächsten Tagen immer wieder das Programm unterbrechen und es wird noch einige Zeit dauern, bis ins letzte Detail darüber berichtet worden ist, was an jenem Freitagmorgen geschah.

Und die USA fangen tatsächlich an, darüber nachzudenken, ob nicht ein Kurswechsel nötig sein könnte, will man der tödlichen Gewalt in Einkaufszentren, Kinos, Universitäten und jetzt gar Grundschulen begegnen. Natürlich rückt da sofort die Frage nach dem Waffenrecht in die Diskussion. Der New Yorker Bürgermeister Mike Bloomberg führt den Feldzug für eine wirksame Verschärfung der Gesetze an. Und die ihn unterstützenden Aktivisten haben noch am Freitag vor dem Weißen Haus eine Mahnwache organisiert. Erstmals seit Jahren wird darüber wieder in aller Offenheit und Breite gesprochen und erstmals sind die Lobbygruppen, die einen unkontrollierten Waffenhandel propagieren, in der Defensive. Obama, der sich im Wahlkampf vor dem Thema drückte, sagt jetzt, es müsse "sinnvolle Maßnahmen" geben, um weitere Amokläufe zu verhindern. Und der Nation wird auch langsam klar, dass etwas nicht stimmen mag mit ihrem Umgang mit psychisch gestörten Heranwachsenden. Es gibt offensichtlich in den USA zu viele junge Männer, deren Verhalten zwar im Nachhinein überaus bizarr erscheinen mag, deren Verstörtheit aber lange, viel zu lange nicht beachtet werden.

Und während jetzt alle vom Blutbad im Kindergarten sprechen, rückt die Aufgeregtheit der letzten Wochen um Steuererhöhungen oder die Besetzung wichtiger Regierungsposten völlig in den Hintergrund. Angesichts der Bilder vom Tod und vom Schock verblast dies alles. Ein Präsident, der weint, die Flaggen landesweit auf Halbmast und die Tage vor Weihnachten bestimmt vom Abschied an Kindersärgen. Die Helden dieser Tage sind nicht etwa die Soldaten der Streitkräfte in Afghanistan sondern die Lehrerinnen, die sich dem Schützen entgegenstellten und starben. Plötzlich erinnert sich die Nation auch an die Überlebenden der vorangegangenen Massaker und fragt, was es bedeutet, solchen Verbrechen begegnet zu sein. Ist dies tatsächlich die Stunde, in der das Ausmaß des Schreckens unerträglich wird? Noch weiß dies keiner - aber alle scheinen zu ahnen, dass dies der letzte Moment sein könnte für einen Neubeginn.

Waffen im Überfluss und schrankenlose Gewalt schienen bislang die dunkle, aber unvermeidbare Seite des amerikanischen Traums zu sein. Wird die Nation, jetzt unter Schock, aufwachen und alles wieder vergessen oder wird sie sich besinnen in der Zeit, die von Besinnlichkeit bestimmt sein sollte? Wird sie beispielsweise darüber nachdenken, warum in einer überaus guten Wohngegend eine in der Nachbarschaft geachtete Mutter ein unheimliches Waffenarsenal ansammelt, das dann ihr Sohn nutzt, sie selbst, sechs Lehrer und zwanzig Kinder zu töten? Wird sie das Unerklärliche Unerträglich finden?