Irgendjemand hat aus Kerzen ein großes Friedenszeichen gebaut, dessen Licht in die Nacht strahlt. Drum herum drängen sich Menschen und diskutieren. Es zieht sie hierher, an diesen Platz der Republik im Herzen von Paris, der wie kaum ein anderer für das Selbstverständnis Frankreichs steht.

Jeden Tag, selbst spät in der Nacht, kommen Unbekannte zusammen, trauern gemeinsam um die Terroropfer, umarmen Fremde, suchen Gesellschaft - doch vor allem ringen sie um Antworten. "Das ist für mich nicht der Islam", sagt eine junge Frau, die im Schneidersitz auf dem Boden hockt. Ein anderer warnt davor, sich von den Terroristen in religiöse Debatten ziehen zu lassen. "Man hat das Recht zu sagen, dass Religion scheiße ist. Alle Religionen", sagt ein Mann.

Es sind Szenen von eindrucksvoller Humanität. Es gibt keine Tabuthemen: Die Menschen reden offen, es wird immer wieder laut - vor allem, wenn es um Israel geht. Rassisten zanken mit dunkelhäutigen Franzosen. Die Worte sind hart, und doch lassen die Menschen sich ausreden. Wenn mal jemand dazwischenplappert, mahnt ihn ein anderer zu Respekt.

Eine geschundene Nation ist auf der Suche nach sich selbst. "Sie schwankt, geht aber nicht unter", der lateinische Mottospruch "Fluctuat nec mergitur" im Pariser Wappen wird jetzt viel zitiert in Frankreich und seiner vom Terror heimgesuchten Hauptstadt. Schon während der Terrortage um "Charlie Hebdo" und den koscheren Supermarkt im Januar wankte Paris heftig. Die für einige Zeit deutlich spürbare Solidarität der Menschen, die internationale Unterstützung bis hin zum Pariser Trauermarsch von fast vier Millionen gegen den Terrorismus gaben Halt.

Regierungschef Manuel Valls spricht im Rückblick von einer "heiligen Einheit". Warum schon wieder Frankreich? Das Land erfüllt viele Kriterien als Hassobjekt fanatisierter Islamisten. Die frühere Kolonialmacht mit über weite Strecken martialischer Geschichte in den unterdrückten Ländern ist noch immer in vielen Regionen fest verankert. Und Frankreich führt offen Krieg gegen den internationalen Terrorismus. Paris schickte Anfang 2013 umgehend Truppen nach Mali, als islamistische Terroreinheiten den Norden des westafrikanischen Landes zu ihrer Operationsbasis machen wollten. Im Irak und in Syrien fliegen die Luftstreitkräfte Angriffe gegen den Islamischen Staat (IS).

Nach zwei Jahren Mali, einem Jahr Irak, zwei Monaten Syrien stellt sich manchen in Frankreich die Frage: "Wofür?" Zweifel, die nach Ansicht des Philosophen Abdennour Bidar wohl von den Terroristen gewollt sind.

Doch der Terror lässt sich längst nicht mehr als rein äußere Bedrohung definieren. In den Banlieues (Vororten) nicht nur von Paris wachsen seit Jahrzehnten Generationen mit hohem Frustpotenzial heran: Migrationshintergrund, Arbeitslosigkeit, Ausgrenzung, kaum Perspektiven. Viele der Terroristen, die das Land dieses Jahr von "Charlie Hebdo" bis "Bataclan" attackiert haben, stammten aus Frankreich, waren dort verwurzelt.

Der Pariser Professor für zeitgenössische Geschichte, Pierre Vermeren, analysiert in der Zeitung "Le Figaro": "Frankreich ist im Krieg gegen einen Teil seiner selbst, gefangen in der Falle seiner Geschichte als führende Macht im Mittelmeerraum."

Die Rhetorik der Regierung ist deutlich härter geworden. Wo nach "Charlie Hebdo" noch das Werben um gegenseitiges Verständnis und Warnung vor Ausgrenzungen von Menschen oder Religionen stand, setzen Präsident François Hollande, Regierungschef Manuel Valls und Innenminister Bernard Cazeneuve nun auf Kampfparolen: "Wir sind im Krieg." In vielen Städten des Landes gehen Polizei und Spezialkräfte gegen Verdächtige vor, die auf einschlägigen Listen des Staatsschutzes geführt werden.

Als Basis für Durchsuchungen und Festnahmen dient bereits der von Hollande verhängte Ausnahmezustand - Hausarreste auf Ministeranordnung. Die Opposition will noch weiter gehen, fordert mehr Konsequenzen als nach der Terrorserie zu Jahresbeginn. Der konservative Parteichef, Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, warnt die Regierung: "Die Franzosen fühlen sich heute nicht sicher." Der Abgeordnete Bruno Le Maire bekräftigte seine Forderung nach einem Einsatz von Bodentruppen in Syrien.