Samstag, 11.45 Uhr: Noch hat es nicht den Anschein, als würde in Kürze der Auftakt des Abschlussjahres stattfinden. Es wird noch gemalert, gehämmert und geschraubt. Erste Gäste schlendern an den Arbeitern vorbei. Eine Frau raunt ihrem Mann zu: "Geht das wirklich heute los?" Ausstellungskurator Joachim Engstfeld nimmt's gelassen. Auch IBA-Geschäftsführer Prof. Rolf Kuhn sagt: "Ich habe noch nie erlebt, dass Ausstellungsbauer einen Tag vorher fertig geworden sind."14 Uhr: Die Sternfahrer der Radtouren von "Brandenburg radelt an" und der "Tour de OSL" treffen an der Großräschener Allee der Steine ein. Mittendrin Cottbus' Oberbürgermeister Frank Szymanski (SPD) in rotem Trainingsanzug. Dahme-Spreewald-Landrat Stephan Loge (SPD) fährt mit gelbem Jersey ein, Oberspreewald-Lausitz-Landrat Siegurd Heinze (parteilos) in einer dunklen Trainingsjacke mit "Lausitz"-Aufdruck. Inzwischen kommen Hunderte Besucher auf die IBA-Terrassen.15 Uhr: Mit ihren blauen IBA-Regenschirmen versammeln sich die Chöre auf dem künftigen Grund des Ilse-Sees und proben. Die Zuschauer strömen den Weg entlang zum Festzelt, das einem Zirkuszelt gleicht. Es werden viel mehr Gäste, als sich die IBA-Macher ausgerechnet hatten.15.30 Uhr: Um Regisseur Jürg Montalta, dem Vater des künstlerischen Parts des IBA-Abschlussjahres, verschwimmen für einige Minuten Zeit und Raum. Mit einem Gesichtsausdruck unendlichen Glücks sieht er die Chöre singend an sich vorbeiziehen. "Es ist so wunderschön", sagt er. Zweieinhalb Jahre Arbeit haben sich für den Schweizer in diesem Augenblick gelohnt. Keine Show mit Stars16 Uhr: Das Festzelt ist bis auf den letzten Platz gefüllt, manch ein Gast muss draußen bleiben. IBA-Chef Kuhn tritt ans Rednerpult. Er betont, wie sehr die IBA eine Bauausstellung aus dem Volke ist, dass sie, wie der Bergbau, "nicht eines Mannes Werk" sein kann. Deshalb treten kurz darauf 320 Sängerinnen und Sänger aus der Lausitz auf - aus Senftenberg, Brieske, Werchow, Ruhland und vielen anderen Orten der Region. "Wir wollten keine Show mit Stars", sagt Kuhn. Auch das Finale soll von Akteuren "von hier" gestaltet werden. Als der Senftenberger Komponist und Dirigent Peter Apelt die Chöre sein Auftaktlied singen lässt, beginnt die Liebeserklärung an die Lausitz. "Wir leben hier - wir leben und träumen im Lausitzer Revier - Keine Macht der Welt, die uns davon abhält - Wir leben hier." Es ist, als ob ein Ruck durch die Reihen geht, als ob dieses Lied einer Region und ihren Menschen ein Stück Stolz wiedergibt. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) greift die Stimmung auf, lobt den Lausitzer Geist, sich nie unterkriegen zu lassen, lobt die "IBA von unten", sieht so viele Potenziale für die Lausitz. Die Rettung und der Umbau der Förderbrücke F 60 in Lichterfeld (Elbe-Elster) sei eine Initialzündung gewesen, die die Region ge- und bestärkt hat. Montalta und Apelt setzen ihre Liebeserklärung mit dem Stück "Die Wendische Sängerin" fort, thematisieren Abschied, Veränderung, Wiederkehr und zeigen, wie wichtig die Sorben/Wenden für die Lausitz sind. Als dann frühere Einwohner des Ortes Bückgen, der Ende der 1980er-Jahre abgerissen worden war, auf dessen Grund der Ilse-See entsteht und wo das Festzelt an diesem Tag steht, ihre Lebensweisheiten an Lausitzer Kinder weitergeben, dürften viele Gäste eine Träne im Auge gehabt haben. Nicht mahnend, nicht aufgesetzt, sondern einfach echt geben die Alten ihr Wissen an die Jungen weiter. Erfolgreiche See-SymphonieAls auf der Bühne die Namen der längst geschlossenen Tagebaue und Brikettfabriken sowie der abgebrochenen Dörfer vorgetragen werden - vom Tagebau Sedlitz über die Brikettfabrik Tatkraft bis zum Ort Wolkenberg - da geht vor allem bei vielen Lausitzern über 50 ein Fenster auf: "Ja, ich darf stolz auf das sein, was ich jahrzehntelang in der Lausitz geleistet habe. Es wird auch jetzt, wo viele Orte dieser Leistungen verschwunden sind, hoch angesehen." Genau dieses Gefühl wollen Jürg Montalta und Peter Apelt erzeugen und den Menschen ein Stück Selbstwertgefühl wiedergeben. Die See-Symphonie ist ein Riesenerfolg.17.50 Uhr: Die Zuschauer strömen aus dem Zelt auf dem Grund des früheren Tagebaus Meuro und fluten die neue Ausstellung "Die Neueroberung einer Landschaft" auf den Terrassen. Sie zeigt, dass die Lausitz trotz Bergbauwunden Chancen hat, eine lebenswerte Region zu bleiben.