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Eine Lausitzer Zukunft mit 1 und 0

1 oder 0, ein oder aus – die digitale Welt besteht meist nur aus zwei einfachen Zuständen, und darauf beruhen de facto alle Digitalgeräte.
1 oder 0, ein oder aus – die digitale Welt besteht meist nur aus zwei einfachen Zuständen, und darauf beruhen de facto alle Digitalgeräte. FOTO: bannosuke/Fotolia
Cottbus. Energiewende und Digitalisierung – zwei Begriffe, mit denen der Lausitzer vor allem in den Zeiten des Bundestagswahlkampfes häufig gequält wird. Am Dienstagabend wurde bei einer Diskussionsveranstaltung der Cottbuser Industrie- und Handelskammer jedoch deutlich, dass es zwischen diesen beiden Schlagwörtern durchaus einen Zusammenhang gibt. Und in diesem könnte sogar die wirtschaftliche Zukunft der Lausitz liegen. Die RUNDSCHAU klärt auf: Daniel Steiger

Was ist gemeint mit Digitalisierung?

Den Begriff Digitalisierung beschreibt das Online-Lexikon Wikipedia als "die Veränderungen von Prozessen, Objekten und Ereignissen, die bei einer zunehmenden Nutzung digitaler Geräte erfolgt". "Digital" leitet sich vom lateinischen Wort "digitus" ab, welches übersetzt "Finger" heißt. In der Technik bedeutet Digital, dass etwas mit einer begrenzten Zahl von Ziffern dargestellt wird. Digitale Technik verarbeitet und übermittelt Informationen also immer mithilfe einer begrenzten Anzahl von Ziffern. Das wohl bekannteste digitale System ist das Binärsystem. Es besteht lediglich aus den beiden Zeichen 0 und 1. Diese liefern jeweils die Information, ob etwas ein- oder eben ausgeschaltet ist. Die digitale Welt besteht also meist nur aus zwei einfachen Zuständen: ein oder aus. Alle digitalen Geräte beruhen auf diesem System.

Und was bedeutet Energiewende?

Die Energiewende wird in der Lausitz häufig mit der Abschaltung der Braunkohlekraftwerke und der Stilllegung der Tagebaue gleichgesetzt. Dabei ist die Energiewende eigentlich viel mehr als das. Deutschland hat sich verpflichtet, bis zum Jahr 2050 klimaschädliche Emissionen um 95 Prozent zu senken - Ausgangspunkt sind die Werte des Jahres 1990. Um das zu erreichen, müssen auf Deutschlands Straßen Millionen von Elektrofahrzeugen fahren, aus den Häusern müssen die Gas- und Ölheizungen verschwinden, und der Anteil der fossilen Energieträger in der Stromerzeugung muss reduziert werden.

Wie gehört beides zusammen?

Ein Beispiel: Der Strommarkt setzt sich - wie jeder andere Markt auch - aus Anbietern und Abnehmern zusammen. Früher gab es auf der Anbieterseite eine knapp dreistellige Anzahl an Großkraftwerken, die sich einem doch recht berechenbaren Markt an Abnehmern gegenübersahen. Heute speisen mehr als 1,7 Millionen Anbieter Strom ins Netz ein - vom Eigenheimbesitzer mit einer Fotovoltaikanlage auf dem Dach bis hin zum Atomkraftwerk. Auch der Abnehmermarkt ist nicht mehr so berechenbar. In vielen deutschen Haushalten geht nicht mehr halb sechs der Herd an, um für Vati das Schweineschnitzel zu braten. Das Problem: Es darf nur genauso viel Strom im Netz sein, wie auch abgenommen wird. Ansonsten gehen die elektrischen Anlagen kaputt. Um Angebot und Nachfrage auszutarieren, müssen Windanlagen zu- und abgeschaltet werden, Strommengen ins europäische Ausland exportiert oder die Leistung von Großkraftwerken angepasst werden. Und jetzt kommt die Digitalisierung ins Spiel. Das wird nämlich von Computern und hochkomplexen Programmen erledigt. Und je präziser die Informationen über Angebot und Nachfrage sind, desto sicherer sind auch die Stromnetze.

Was habe ich als Bürger davon?

Zu dieser Frage lieferte im Rahmen der IHK-Diskussion Tim Hartmann, Vorstandsvorsitzender der enviaM AG, ein Beispiel: Auch in der Lausitz werden in der Zukunft viele Elektroautos in den Garagen parken. Wenn die Besitzer mit ihren Fahrzeugen um 18 Uhr von der Arbeit kommen und das Fahrzeug zum Stromtanken an die Steckdosen klemmen, gibt es auf Schlag eine Nachfrage, die die Stabilität der Stromnetze gefährden könnte. Hartmann: "Gibt es aber an der Steckdose einen Knopf, der bedeutet: Stromanbieter, entscheide du, wann das Auto lädt, Hauptsache es ist morgen früh voll, wäre das ein echter Vorteil.” Die Stromnetze wären stabiler und der Strom eventuell sogar billiger. Ähnliches könnte sich Hartmann auch bei Warmwasserspeichern für die Wärmeversorgung in Häusern vorstellen. Um diese Flexibilität zu gewährleisten, sind aber sogenannte intelligente Stromnetze erforderlich.

Und wie können davon jetzt Unternehmen profitieren?

Das zeigt ein Beispiel von der Ort rander Eisenhütte. Deren Geschäftsführer Bernd H. Williams-Boock berichtete von einem Projekt seines Unternehmens mit Envia, bei dem es ähnlich zugeht wie beim oben geschilderten Elektroauto-Fall. Williams-Boock schildert den Idealfall so: "Envia sagt mir, dass am kommenden Mittwoch ganz doll der Wind weht, es also ein großes Stromangebot gibt, und rät mir, an diesem Tag Dinge zu produzieren, deren Herstellung viel Energie kostet." Die Eisenhütte hat Stromkosten von knapp 440 000 Euro - pro Monat. Auch wenn bei einer derart flexiblen Produktion nicht sofort ein finanzieller Nutzen für das Unternehmen entsteht, ist auch Williams-Boock der Meinung, dass "auch wir als Unternehmer unseren Beitrag zur Energiewende leisten müssen".

Was muss passieren, damit die Lausitz als Region ihren Nutzen aus dem Zusammenspiel von Digitalisierung und Energiewende ziehen kann?

Als Antwort auf diesen Frage fallen immer wieder zwei Stichworte: Vernetzung und Hochschulen. Große Hoffnung setzen Leag, Envia & Co. auch auf die wissenschaftlichen Fähigkeiten der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg. Die Lausitz habe die Chance, aus ihren Fehlern und Erfolgen in Sachen Energiewirtschaft eine Vorzeigeregion und ein Schrittmacher für das gesamte Land zu werden. Dafür müssen aber Politik, Wirtschaft und Forschung eng zusammenarbeiten. Leag-Vorstandschef Helmar Rendez: "Heute müssen wir etwas pflanzen, damit die nächste Generation noch mindestens die gleiche Zahl an guten Arbeitsplätzen hier hat."