Falscher Klima-Alarm, Stillstand bei der Erderwärmung: Bevor im vergangenen Herbst der erste Teil des aktuellen Weltklimaberichts erschien, beherrschten laute Zwischenrufe von Klimaskeptikern die Medien. Von einer "Pause des Klimawandels" war die Rede, dem Klimarat IPCC warfen manche sogar Sensationslust vor.

Ein Jahr später ist davon kaum noch etwas zu hören. Mit dem 5. Report, dessen Kernaussagen der IPCC am Sonntag präsentierte, haben die Forscher die Stimmen der Skeptiker verdrängt. "Die Wissenschaft hat klarer und genauer gesprochen als zuvor", sagt UN-Generalsekretär Ban Ki Moon. Der weltweite Klimawandel ist nach Auskunft der Forscher Realität. Und er hat Folgen, die wir nicht verhindern können.

Der Meeresspiegel etwa wird wahrscheinlich noch Jahrhunderte steigen. Manche seiner Auswirkungen können aber noch gestoppt werden, wie der Temperaturanstieg auf der Erde. Die Menschheit habe noch eine Wahl, ob sich die Erde um zwei oder um vier Grad Celsius erwärmen werde - "je nachdem ob wir gute oder schlechte Klimapolitik machen", sagt einer der führenden IPCC-Autoren, Professor Ottmar Edenhofer. Der Klimarat habe sich an die Spitze des Dialogs über das Klima gesetzt, "lange bevor die Leute auf die Straße gegangen sind und ein Handeln eingefordert haben", lobt UN-Chef Ban. Den Regierungen droht dagegen in dem Fach immer noch das Sitzenbleiben. Dass die Kernpunkte des Sachstandsberichts ausgerechnet in Kopenhagen präsentiert werden, erinnert schmerzlich an den enttäuschenden Klimagipfel in der dänischen Hauptstadt vor fünf Jahren. Seitdem hat sich jedoch viel verändert. Wissenschaft und Politik arbeiten verzahnter. Hunderttausende Menschen demonstrierten auf den Straßen von New York und weltweit für das Klima. Inzwischen sollte den politischen Entscheidern nach Meinung von IPCC-Chef Rajendra Pachauri klar geworden sein: "Es gibt keinen Plan B, denn es gibt keinen Planeten B." Schnelles Handeln sei ein Muss. Die neuen Erkenntnisse seines Weltklimarats setzen die Entscheider unter Handlungsdruck. "Einige der Ausreden, die in Kopenhagen 2009 genutzt wurden, sind nicht mehr gültig", sagt IPCC-Autor Michael Jarnaud. Business as usual, das machen die Forscher klar, sei keine Option mehr. "Nichtwissen kann nicht länger als Ausrede für Nichthandeln genutzt werden."

Um sicherzugehen, dass die politischen Entscheider den Bericht auch lesen, ist die Zusammenfassung des Synthese-Reports vor allem eins: kurz. "Politiker müssen sich mit vielen anderen Problemen beschäftigen", sagt der stellvertretende IPCC-Chef Jean-Pascal van Ypersele. Deshalb versorgen die Wissenschaftler sie auf nur 40 Seiten in verständlicher Sprache mit den wichtigsten Kernaussagen zum Klima.

Gleichzeitig zeigen sie, dass der Wandel nicht die Welt kostet. Ein rechtzeitiger Wechsel auf alternative Energien schlägt bei einem Wirtschaftswachstum von 1,6 bis drei Prozent pro Jahr danach nur mit einem Minus von jährlich rund 0,06 Prozentpunkten zu Buche. "Die Kosten des Nichthandelns werden entsetzlich viel höher sein als die Kosten des Handelns", mahnt Pachauri.

Nachdem die EU-Staaten sich auf langfristige Ziele beim Klimaschutz geeinigt haben - so soll der Kohlendioxid-Ausstoß in der EU bis 2030 um mindestens 40 Prozent sinken - setzen die Klimaforscher große Hoffnungen in den Klimagipfel in Paris 2015.

Mit dem Bericht haben sie die Regierungen mit dem nötigen Rüstzeug ausgestattet. "Der Report zeigt, dass wir viele Optionen haben", sagt van Ypersele. "Was aber in unsichtbarer Tinte in allen Berichten steht, ist dass das Fehlende oft noch der politische Wille ist", sagt der Belgier .